Texte


Dr. Hans-Jürgen Schwalm, Kunsthalle Recklinghausen, im April 2005

Nikola Dicke studierte an der Kunstakademie Münster bei Ludmilla von Arseniew und wurde 2004 zur Meisterschülerin ernannt. Ich habe ihre künstlerische Arbeit auf mehreren Ausstellungen kennen und schätzen gelernt.

Nikola Dicke gehört zu einer Gruppe junger Künstlerinnen und Künstlern, die Malen und Zeichnen kühn ineinander verschränken. Ihre vornehmlich kleinformatigen Arbeiten auf Papier - seltener auf Leinwand - spielen mit der für sie fragwürdig gewordenen Grenzziehung zwischen Malerei und Zeichnung, zwischen linearem Selbstausdruck und den Möglichkeiten einer das farbige Sehen stimulierenden Flächenkomposition. In der Flüchtigkeit einer Linie, ihrer im malerischen Duktus der Pinselzüge vorangetriebene Auflösung, die bestenfalls ein "sowohl-als-auch" markiert, spiegelt sich gewissermaßen die Uneindeutigkeit der Bildzeichen wider, die sich stets einer konkreten Benennbarkeit entziehen. Auf den ersten Blick verwandeln sich Naturdinge, verwandelt sich eine Landschaft in farbige Zeichen. Die unbunte Palette der Bilder - ein nuancenreich gebrochenes Blau, erdige Brauntöne, Schwarz, Grau und immer wieder Weiß, das auch als Farbe des Papiers stehen gelassen wird - sowie ein biomorpher, weich verfließender Formenkanon wecken landschaftliche Assoziationen: Unser Blick entdeckt Gesteinsformationen oder folgt aus der Vogelperspektive einem vegetationslosen Küstenverlauf, macht einen kühl schimmernden See zwischen unwirtlichen Hügeln aus, klettert an einem Bergmassiv hoch oder übersieht eine schneebedeckte Landschaft unter grau verhangenem Himmel. Das irrisierende Licht, das unseren Blick immer wieder auf die Linie des Horizonts lenkt, lässt an Tagesanbruch oder Abenddämmerung denken, wenn sich Licht und Schatten unentschieden ineinander verweben. Doch die Arbeiten Nikola Dickes verweigern sich jeder "lesenden Instrumentalisierung". Sie zwingen zu einem nicht wiedererkennen wollenden, sondern zu einem tatsächlich sehenden Sehen, das die dialogische Offenheit der Bildstruktur und Bildzeichen, das bloße "Als-ob" jeder gegenständlichen Deutung anerkennt. So kristallisieren sie ein geradezu meditatives Fluidum aus, in dem das scheinbar Einfache und Vertraute ein neues Sehen und Verstehen provoziert.

Das kleine Format besitzt eine große innere Kraft, und die mit Pinsel und Stift scheinbar lapidar hingeworfenen Formen eine ebenso große assoziative Dichte. Sie lassen ein überzeugendes kompositorisches Kalkül erkennen. Nikola Dickes Zeichnungen und Malereien sind seltsam unspektakulär und besitzen doch eine einnehmende, stille Poesie, etwa im geheimnisvollen Spiel des Lichts, das die Dinge weniger beleuchtet als sie leuchten lässt. Ihre einfache und dabei so großzügige Formgebung besticht: Sie lebt aus der Gegenspannung von Direktheit und Reflexion, Prozess und Erinnerung, spontanem Notat und sehr bewusster Untersuchungsmethode; sie verliert sich nicht im Detail, sondern abstrahiert zu Gunsten der "großen" Form - um die Weite eines landschaftlichen Prospekts auch im kleinen Bildformat erfahrbar zu machen und ihr durch die Wahl des Ausschnitts gleichzeitig Nähe und Intimität zu geben.

Dr. Hans-Jürgen Schwalm


Dr. Ann-Katrin Günzel zur Ausstellung "Laterne, Laterne", 28. November bis 7. Dezember 2008, Kunstraum 28/30, Köln

Nikola Dicke macht zwar Diaprojektionen, versteht sich jedoch nicht als Fotografin, sondern als Zeichnerin, denn statt Fotografien projiziert sie Zeichnungen an die Wand. Dass heißt, sie geht handwerklich vor, nimmt selbst gezeichnete Miniaturen zum Ausgangspunkt [...] Wie ein flüchtiges, immaterielles Graffiti setzt das Licht seine Spur auf die Wände und verwandelt statische Flächen in dreidimensionale Gebilde voller Bewegung und Atmosphäre. Kreisende, schlingernde, leuchtende Linien sind das Resultat ihrer zeichnerischen Reduktion und damit einer materiellen Abwesenheit, die das Phänomen des Durchscheinens zum Gegenstand der Betrachtung macht. Es ist nicht Anliegen der Künstlerin, das Licht an sich körperlich oder dinglich wahrnehmbar zu machen (wie es häufig in der sog. "Lichtkunst" mit Lichträumen gemacht wird), sondern sich des Lichtes als einer Art Zeichenstift zu bedienen und damit zwar kleinformatig zu erschaffen, aber großformatig zu präsentieren. Nikola Dicke kreiert durch das Licht Räumlichkeit, die erfüllt ist mit einer ganz eigenen, manchmal auch eigenwilligen Zeichenstruktur. Sie formt das Licht durch diese Zeichen und gibt ihnen eine Substanz, die Licht - das ja als elektromagnetische Strahlung ein rein optisches Phänomen ist - eigentlich nicht hat. Das Licht hat aber eine enorme Kraft, indem es absolut notwendig ist, um überhaupt irgendetwas sichtbar zu machen. Das Erscheinen der Dinge ist an das Aufscheinen des Lichtes gebunden.

Licht ist immer da, sei es punktuell nachts als Sterne am Himmel, diffus durch Nebel gefiltert oder gleißend im hellen Sonnenschein. Licht kann gar als der Ursprung des Seins begriffen werden und wird dementsprechend in heidnischen wie christlichen Kulten und Traditionen als das Seiende, das Schaffende identifiziert. Platons Höhlengleichnis beweist, dass das Licht der Wahrheit entspricht, denn bei ihm ist das Wissen das Erkennen davon, wie in den Erscheinungen die hinter ihnen liegende Wahrheit repräsentiert wird. Die Begrifflichkeiten von Erscheinung, Erleuchtung, Aufscheinen oder Erstrahlen erklären den Stellenwert des Lichtes für die Wahrnehmung sowie für Schöpfung und Mythos. In der christlichen Lehre ist das Göttliche das Licht und die gotische Kathedrale ist das beste Beispiel für die metaphorische Bedeutung des Lichtes, denn hier, in diesem ersten Licht-Kunstwerk ist das Licht eine Abbildung Gottes und des Universums.

Nikola Dicke bedient sich dieses Mediums, um eigene Referenzen zum Licht zu skizzieren und gleichzeitig Raum zu lassen für Assoziationen. Für die Ausstellung des Kunstraums 28/30 hat sie an verschiedene Hauswände Zeichnungen projiziert, die das Licht auch inhaltlich thematisieren. Sie erleuchtet Wände und Mauern und lässt sie sprichwörtlich in einem anderen Licht erscheinen, sie geht aber über eine dekorative, ornamentale Ebene hinaus und beschäftigt sich mit existentiellen Lichtquellen, die aus der Gefahr leiten und mit dem romantischen Leuchten in der Nacht.

Der Titel der Ausstellung, "Laterne, Laterne", lässt unwillkürlich an das bekannte Kinderlied denken, welches nicht nur einen jahreszeitlichen Bezug erfährt, sondern auch eine Parallele in der Thematik der erleuchteten Bilder, die auf jeder Laterne, welche noch handgemacht ist, zu finden sind. Zusammen mit Sonne, Mond und Sternen leuchtet die Laterne den Weg im Dunkeln und erhellt gleichzeitig die auf ihr angebrachten Zeichnungen. Nikola Dicke hat einige Laternen extra für diese Ausstellung gestaltet, auf denen sie Motive angebracht hat, die auch in den Lichtinstallationen in Bayenthal wiederzufinden sind. So gibt es eine "Hafenlaterne", die als solche leuchtend durch die Strasse getragen werden kann, aber auch die Wandarbeiten beziehen sich zum Teil auf Hafenszenen. Im Hof der Goltsteinstraße 94, befindet sich die Wandarbeit "Sturm in den Wanten" - man mag an eisig pfeifende Winde, kalten, trommelnden Regen, scheppernde Schiffsmasten, tosende Wellen und dahinstürmende Wolken denken, und mittendrin klettert ein Seemann in den Drahtverspannungen zur Sicherung des Mastes, die Wanten heißen. In der Koblenzer Straße wird die Meeresthematik weitergeführt, hier ist auf der Wand eines Hauses der Leuchtturm von Genua zu sehen, ein weithin sichtbares Seezeichen also, das durch Lichtsignale den Schiffen den Weg durch Stürme, Gefahren und Untiefen weist, eine Navigation ermöglicht, sicher ans Ziel führt. Und so heißt die Arbeit auch "Im Hafen (von Genua)". Durch die hier angebrachte Lichtzeichnung entsteht eine Hafenmauer, eine sichere Anlegestelle, die vor Unwetter und Gefahr schützt. Mit dem Liedtext des sogenannten Paderborner Wallfahrtsliedes arbeitet die Künstlerin in der Wandarbeit "Hoch auf Deinem Throne" in der Goltsteinstraße 45. Der Titel des Liedes lautet " Meerstern, ich dich grüße", der Refrain "Maria, hilf uns allen aus dieser tiefen Not!" und das Licht, das hier angerufen wird, ist metaphorisch zu verstehen. Es ist die christliche Offenbarung im Lichte, die die Geister derer erleuchtet, welche sich zum Wahren erheben, und Maria ist die Mittlerin, die aus der Not bergen kann. Nikola Dicke hat an der engen, schluchtartig aufragenden Außenwand, an die sie projiziert, eine Mariengrotte gezeichnet. Die Muttergottes sitzt dort mit dem Kind, über ihr ist eine Art schützender Baldachin zu erkennen.

Etwas weiter die Goltsteinstraße entlang befinden sich auf der linken Straßenseite zwei hoch aufragende Ziegelwände, die im rechten Winkel zueinander stehen. An sie hat die Künstlerin wechselnde Lichtzeichnungen installiert, die sich mit einem - wenn nicht dem - romantischen Nachtmotiv verbinden: es handelt sich um die Abschiedsszene von Romeo und Julia, von der Künstlerin "Es war die Nachtigall" benannt. In Shakespear'scher Wirklichkeit war es natürlich nicht die Nachtigall, und die Dämmerung, die einsetzt, bedeutet schon das Anbrechen eines neuen Tages, auch wenn Julia das Gegenteil behauptet: der dunkle Schutz der Nacht ist aufgebraucht und das Versteck damit verloren. Das Aufscheinen des Lichtes bedeutet für die Liebenden den Aufbruch und gar eine Verbannung.

Nikola Dicke schafft es, mit einigen einfachen und gekonnten zeichnerischen Mitteln ausdrucksvolle Aussagen zu treffen und damit unsere Aufmerksamkeit trotz der Omnipräsenz flimmernder Bilder in den Medien und leuchtender Reklamelichter in den Städten zu erreichen und zu bündeln.

Dr. Ann-Katrin Günzel


Wolfram Heistermann zur Ausstellung "endless story", 14. bis 28. Dezember 2008, ehemalige Synagoge Drensteinfurt

Bei der Lichtinstallation von Nikola Dicke in der ehemaligen Synagoge Drensteinfurt handelt es sich um eine bewegte Standbildprojektion. Da sind zunächst als Ausgangsbilder zwei Dias [...] im Kleinbildformat, sozusagen die "Software". Dann gibt es da noch einige Geräte, Projektoren, Motoren und von ihnen gedrehte, etwas unförmige, mit spiegelnder Folie bespannte Reflektionskörper, die "Hardware". Der Raum wird mit Inventar und allen darin befindlichen Personen zur Bildfläche. Der Besucher also mittendrin und Teil des Bildes.

Zu sehen sind zwei in Stellung gebrachte Projektoren, bei etwas staubiger Luft deren Projektionsstrahlen, die langsam sich drehenden, Bild störenden Reflektoren und Projektionen auf dem Fußboden und an den Wänden, zum einen als Diabild statisch am Boden, zum anderen als schlierige Streiflichter langsam durch den Raum wandernd, dessen Tiefen und Untiefen auslotend. Durch wechselnde Einfallswinkel, sich mehr oder weniger verzerrend, suggerieren sie so etwas wie eine in schwingender Bewegung befindliche Unterwasserwelt, assoziieren polare Lichterscheinungen oder durchs All streifende Astralnebel. Es kommt zu einer stark veränderten Wahrnehmung des Raumes. Die Dimensionen verschieben sich, desgleichen die Stimmung und die Atmosphäre. Der Raum erweitert sich gefühlt bis ins Unendliche und verdichtet sich zugleich. Ein ehemals sakraler Raum wird wieder mit Sakralität angereichert. Es entsteht ein sakraler Raum in einem sakralen Raum. Ein sakraler Raum verliert wahrscheinlich nie ganz seine Sakralität, sie bleibt immer irgendwie präsent, aber durch diese und andere Veranstaltungen, die hier stattgefunden haben, wird sie intensiviert und deutlicher spürbar.

Alles ist aber Illusion, man sieht gar keine Streiflichter. Was man wirklich sieht ist ein Stück Wand, ein Stück Fußboden, ein Stück Fußleiste, ein Stück Fenstersprosse, ein Stück Stuhlbein, ein Stück Türrahmen, eben das, was gerade beleuchtet ist.

Dadurch, dass Nikola Dicke dem Zuschauer diese verschiedenen Wahrnehmungsebenen unterschiebt, die sich gegenseitig überlagern und durchdringen, treibt sie mit dessen Wahrnehmung ein rechtes Possenspiel. Sie spielt mit dem, was er sieht und nicht sieht, mit dem, was er sieht oder zu sehen glaubt. Die Wirklichkeit wird gebrochen durch das Projektionsbild und umgekehrt bricht sich das Projektionsbild an der Wirklichkeit. Eine Wechselwirkung, die durchaus Weltanschauung und Weltanschauen im Allgemeinen wiederspiegelt. Das Licht oder das Lichtspiel spielen in der sakralen Raumausstattung traditionell eine große Rolle. Was beeindruckt in einer Kathedrale mehr als die herrlichen farbigen Fenster, figurativ oder ornamental? Abhängig vom Einfall des Sonnenlichts füllen sie den Raum mit Farbe oder finden sich als Projektion im Kirchenraum wieder. Was sind die Kirchenfenster anderes als überdimensionale Diapositive? Oder man denke an den wabernden Schein hunderter Kerzen, der die Abendmesse mystisch auflädt. Von solcher Mystik wird natürlich auch in Nikola Dickes "Licht-Show" etwas spürbar.

Nikola Dicke konfrontiert uns in ihrer Installation mit verschiedenen Polaritäten.

Materialität Immaterialität
Wirklichkeit Unwirklichkeit
Gewissheit Ungewissheit
Bodenhaftung Schwerelosigkeit
hell dunkel
Licht Schatten
Sehen Nichtsehen
Schärfen Unschärfen
statisch dynamisch
irdisch himmlisch
Hardware Software

Eine lange Reihe konträrer Positionen, zwischen denen Nikola Dicke ihr Spannungsfeld aufbaut.

"endless story", so lautet der Titel der Ausstellung. Damit ist sicher der eigentliche Bildinhalt benannt. Der auffallendste Aspekt dieser Installation ist ganz augenscheinlich die Drehbewegung, die immer wieder in sich selbst mündende, Anfang und Ende aufhebende, kreisende Abfolge. Dieses endlose, langsam sich vollziehende, immer wiederkehrende Geschehen macht Zeit deutlich spürbar. Insbesondere Langsamkeit wird hier zu einer elementaren Empfindungsqualität. Endlos und zeitlos. Damit ist man nah am Ewigkeitsgedanken und somit tief in sakraler Gedanklichkeit. In jeder Drehbewegung steckt eine Zeitkomponente, wird sie doch rechnerisch definiert durch Umdrehungen pro Sekunde, pro Minute, pro Stunde, also pro Zeiteinheit, wie überhaupt der Begriff Zeit eine Schnittstelle zwischen religiösem und säkularem Denken zu sein scheint. Diese Schnittstelle hat Nikola Dicke in ihrer Installation genau getroffen.

Wolfram Heistermann


André Lindhorst (Kunsthalle Osnabrück) zur Ausstellung "Süderkreuz und Polarstern" von Nikola Dicke, 21. März - 15. April 2009, Stadtgalerie Osnabrück

Gezeichnet hat Nikola Dicke immer und zwar weit vor ihrem Studium an der Kunstakademie in Münster. Aber bei den Kunstprofessoren Ludmilla von Arseniew (deren Meisterschülerin Nikola Dicke 2004 wurde) und bei Michael van Ofen entwickelt und schärft sie ihre künstlerischen Bildstrategien. Beide, von Arseniew und van Ofen, verbindet sicher das Landschaftsthema und auch, dass sie in ihren Bildmotiven der phänomenologischen Wirksamkeit des Lichts nachspüren. Die Auseinandersetzung mit Licht und Schatten ist schließlich auch zentraler Bestandteil im künstlerischen Prozess von Nikola Dicke geworden.

Die Gemälde und Zeichnungen der heute in Osnabrück lebenden Künstlerin sind durch Hell-Dunkel-Kontraste charakterisiert. Allerdings kommt eine für die Künstlerin typische Besonderheit hinzu: die Radikalität, mit der Ausschnitte und Standorte aus der alltäglichen Umgebung herausgezogen und inszeniert werden. "Ich male oder zeichne nie abstrakt, sondern die Motive, die mich interessieren, kommen immer aus der Realität des Alltags. Ich ziehe schon mit diesem Blick auf Details los, wenn ich durch eine Stadt gehe oder eine Landschaft bereise. Etwas bleibt dann hängen, was mich sehr lange beschäftigt."1

Es finden sich viele Reisebilder im Oeuvre der Künstlerin: Der italienische Hafen von Genua hat die Künstlerin lange fasziniert und auch die so sonderbar in die Hügellandschaft Israels hineingeschichtete Stadt Jerusalem. Auf den Lofoten, im Nordmeer von Norwegen, hat sie gemalt, bis sie im Zwielicht nichts mehr sehen konnte. Typisch für die Künstlerin ist, dass sie ihre Zeichnungen nie mit Bleistiften, sondern mit Materialien anfertigt, mit denen man gleichmäßige schwarze Flächen erzeugen kann. Zum Teil fotografiert sie ihre Motive auch, um die Fotos als Arbeitsgrundlage für ihre Zeichnungen zu verwenden.

Ihre Motive abstrahiert Nikola Dicke in ihrer Malerei und in ihren zumeist kleinformatigen Zeichnungen bis zu einem Punkt, an dem sie unwirklich, entrückt und rätselhaft erscheinen. Nicht nur das Schwarzweiß, sondern auch die wie herangezoomt wirkenden Ausschnitte irritieren jene Vertrautheit, wie wir sie bei Tageslicht vor denselben Motiven - einem Architekturausschnitt oder einer Straßenszene beispielsweise - empfinden würden. Diese kleinen künstlerischen Kontextverschiebungen als Resultate der künstlerischen Befragung der Phänomene im Zwielicht zwischen Tag und Nacht verändert den Blick auf Vertrautes schlagartig. Die Gegenstände, Figurationen und Strukturen bekommen plötzlich eine bedeutungsschwere, rätselhafte und geheimnisvolle Ausstrahlung. Das Besondere dieses Phänomens liegt darin, das in Nikola Dickes Bildern etwas Unerwartetes aufscheint, etwas, das nicht wirklich in Erscheinung tritt aber dennoch vom Betrachter atmosphärisch wahrgenommen wird. Etwas, das man spürt, aber nicht sieht.

Nikola Dickes Bilder werfen Fragestellungen auf, die uns beschäftigen, ohne das wir Gewissheiten gewinnen können. Unwillkürlich lassen manche Motivausschnitte, die immer um den Übergang vom Licht zum Dunkel oder vom Dunkel zum Licht kreisen, an Tatortfotos denken. Die Wirkung dieser Bilder ist ambivalent; sie bewirken ein faszinierendes Kunsterlebnis, zumal der Betrachter die Bilder als "nur" ästhetisch-abstrakte Kompositionen wahrnehmen kann, aber eben auch anders, weil sie auch Gefühle von Gefahr, Bedrohung und Verstörtheit hervorrufen können. Auch haben diese Bilder etwas von Traummomenten oder von Erinnerungsbildern, die aus den tiefsten Schichten unseres Bewusstseins heraufdämmern. Die Bilder der Künstlerin führen die klare Lesbarkeit der Dinge ad absurdum.

Parallel zu ihren Zeichnungen zeigt Nikola Dicke in der Stadtgalerie Lichtprojektionen in einer breiteren raumästhetischen Syntax. 2003 hat sie "eine alte Kindergartentechnik", wie sie es nennt, für ihre Kunst entdeckt. [...] Mit dieser ebenso einfachen wie verblüffenden Methode bietet sich der Künstlerin die Möglichkeit, ihr Thema mit einfachsten Mitteln in das Medium Lichtkunst und in wandfüllende Dimensionen Indoor und Outdoor zu transferieren.

Nikola Dickes Kunst steht in einer langen Tradition von Malerei und Grafik, die mit den frühen Nachtbilder der Maler des ausgehenden 15. Jahrhunderts beginnt und mit der Hell-Dunkel-Malerei der alten italienischen und niederländischen Meister, wie zum Beispiel Caravaggio und Rembrandt oder auch den Nachtvisionen von Francisco de Goya, an die Moderne herangeführt wird. In der Gegenwartskunst findet sich diese Spur in den Visionen von Nachtbildern des Amerikaners Edward Hopper wieder.

André Lindhorst

1. Die kursiv gesetzten Zitate beziehen sich auf ein zwischen Nikola Dicke und André Lindhorst im März 2009 geführtes Interview.


Markus Stein zur "Kleinen Heiligenlitanei", Stiftung Künstlerdorf Schöppingen 2009

SCHWÄRZE aus licht. schmutz aus verbrennung, lampenruß auf glas. unvorhersehbare struktur aus sich überlagernden schichten. zeichnungen aus der dunkelheit ausgekratzt, -geritzt und -gewischt. sonnenlicht wirft die zeichnung an die wand. ein projektor zeigt das bild des bildes des abbilds und läßt sein licht in struktur, zeichnung und schwärze spielen. in texturen gebannte bewegungen der flamme spielen ineinander. stofflich ist das in rußpartikeln gebrochene licht im schwarz und unstofflich im durchscheinenden glas zugleich. das weggelassene, die weggezeichnete form ist das sonnenlicht auf der dargestellen figur. ein negatives positiv, oder ein positives negativ? licht spielt in den ausfransenden rändern, den sepiatönen halbdeckender schichten. nachgerußte flächen überlagern sich zu einem dreidimensionalen gebilde. im dia projiziert, vergrößert, entsteht ein raum, in den du hineintreten kannst, selbst ein schattenriß, schärfer und unschärfer zugleich. ganz eingetaucht ins eigene vergessen. von der anderen seite betrachtet, durchs glasbild hindurch, scheint das blaugraue licht eines verregneten tages. das rußbild wird zur fenstermalerei. sakral in der form und weltlich in der darstellung der heiligenstatuen.

allerheiligenLITANEI. der name sagt's schön: sämtliche heilige werden angerufen. von viel kommt viel. zur sicherheit, schaden kann's nicht. der ritus des immergleichen, immerwiederkehrenden im wechselgesang ist meditation, das heraustreten aus profaner wirklichkeit, der entrückte, tiefere und gleichzeitig detachierte blick auf unsere welt. angestrahlt behelligt schaut der heilige aus stein am wegesrand, auf der brücke, am stadttor. in den zeichnungen Nikola Dickes haben wir die gelegenheit, neu und versunken auf die weit in die zeit schauenden heiligen zu blicken und sie völlig diesseitig als licht selbst zu entdecken.

Markus Stein


Wolfgang Türk zur Ausstellung "Zwielicht", 10. Dezember 2009 bis 31. Januar 2010, Foyer der Städtischen Bühnen Münster

Eingetaucht in ein diffuses Zwielicht, das die scharfen Konturen weich zeichnet, bisweilen aufzulösen scheint, erheben sich an den Wänden Lichtarchitekturen von flüchtiger Schönheit: Ephemeren Konstrukten gleich liegt ihr suggestiver Reiz im Gebot einer distanzierten Betrachtung. Eine zu starke Annäherung verschattet das Detail, verbirgt Teile des Baukörpers und lässt die immateriellen Räume verschwinden. Ein Ausfall der Lichtquelle schließlich kann unvermittelt die fein ziselierten Architekturformen in nachtende Dunkelheit auflösen oder gar ganz zum Erlöschen bringen.

Nikola Dicke erliegt in ihrem Arbeiten dem temporären Reiz des Lichts, das sie nicht körperlich oder dinglich wahrnehmbar macht, sondern gleichsam als Zeichenmaterial benutzt, um ihre unmittelbare Umgebung in der vorübergehenden Präsenz des gewählten Mediums nachzubilden. Inspiriert vom genius loci ritzt sie die wahrgenommenen Versatzstücke des architektonischen oder urbanen Umfelds in die mit Ruß geschwärzten Glasscheiben. Kleinformatig erschaffen, großformatig präsentiert, verwandeln sich Räume, Gebäude und Straßen durch die Projektion zu riesigen Lichtzeichnungen, die den Betrachter in eine ganz eigene Raum- und Zeitwahrnehmung eintreten lassen. Was in der Realität auf Dauer geplant ist, erweist in der reproduzierenden Nachzeichnung seine Zeitweiligkeit, lässt sich in der Abbildung ganz unvermittelt auslöschen.

Die Architektur als Ausgangspunkt wird in ein Medium überführt, das sich aufgrund seines unstofflichen Charakters paradoxerweise als weniger modifizierbar und wandelbar erweist als die gebaute Wirklichkeit. Schon in der Nachzeichnung in das geschwärzte Glas zeigt sich die Unmöglichkeit einer Korrektur, da der sich eingrabende Zeichenstift den Malgrund zerstört und Änderungen verhindert. Jeder Strich erhält eine Verbindlichkeit, wird unverrückbar, widersetzt sich der Revision. Als durchscheinende Lichtzeichnung auf die plane Wand geblendet, erweist sich das vermeintlich dreidimensionale Gebäude als ein verzauberndes, gleichsam feenhaft anmutendes Trugbild, das - einer Fata Morgana gleich - verschwindet, je mehr man versucht, seinem einladenden Gestus nachzukommen und es zu betreten.

Die vor Ort gewonnenen Impressionen - im Fall des hiesigen Ausstellungsorts die Gartenfront des Romberger Hofs, die moderne Skulptur des Innenhofs, die benachbarte Kirche und das Bankgebäude - werden zu Bildern einer Laterna Magica, die sich für den Betrachter beim Abschreiten zu einem durchscheinenden Abbild des urbanen Umfelds in seiner Gesamtheit zusammensetzen. Die realen Lichtquellen des Außenraums treten dabei in ein teils konkurrierendes, teils komplementäres Verhältnis zu den leuchtenden Bildern an den Wänden. Während ihre durch Fahrzeuge, Verkehrszeichen und Werbung unruhig flackernde Lichtfülle zu den harmonisch, fast kontemplativ wirkenden Leuchtbildern in krassem Widerspruch steht, setzt sie andererseits verbindende Bezugspunkte zwischen der realen Architektur und dem in Licht gezeichneten Umrisse der Gebäude. Das "Zwielicht", das aus zwei Quellen gespeiste Licht, bescheint eine Szenerie, in der das urbane Umfeld fragmentarisch in den Ausstellungsraum der porträtierten Bauten hineinleuchtet, in der Vorlage und Abbild, Original und Nachschöpfung im verbindenden Medium des Lichts zueinander finden.

Wolfgang Türk


Lorenz Töpperwien zur Lichtzeichnung "In der Dämm'rung Hülle", 23. bis 31. Januar 2010, Christuskirche, Köln

Der Mond ist aufgegangen,
die gold'nen Sternlein prangen
am Himmel hell und klar.
Der Wald steht schwarz und schweiget,
und aus den Wiesen steiget
der weiße Nebel wunderbar.

Das bekannte Gedicht von Matthias Claudius war für die Künstlerin der rote Faden bei der Arbeit an der Zeichnung aus Licht, die im Januar 2010 für gut eine Woche rund um die Kölner Christuskirche zu sehen war. Deren Turm nahm das Motiv der "gold'nen Sternlein" auf. Sie fallen in den Rock des Mädchens, das im Märchen vom "Sterntaler" alles weggegeben hat, was es besaß. Am Ende bekommt es ein neues Hemd, in das die Sterne als goldene Taler herabregnen.

Wie ist die Welt so stille
und in der Dämm'rung Hülle
so traulich und so hold
als eine stille Kammer,
wo ihr des Tages Jammer
verschlafen und vergessen sollt. [...]

Das Sterntaler-Märchen hat ein gutes Ende: Abends in der Dunkelheit erzählt, soll es Trost und Erbauung sein, in der "stillen Kammer" soll man "des Tages Jammer" vergessen können. Aber das ist ja nur die eine Seite der Dämmerung. Viel häufiger erfahren wir sie als Bedrohung, als die Zeit, die Teufel und Dämonen gebiert. Das ist eine urmenschliche Erfahrung. Im Mittelalter reagierten die Menschen darauf, indem sie die Westfassaden der Kirchen mit Schutzpatronen, Drachentötern oder auch ganzen Legionen von Heiligen ausstatteten. Denn der Westen, die Abendseite, ist die Richtung, aus der die Dämonen kommen.

An der Westfassade der Christuskirche taucht das Mädchen aus dem Sterntaler-Märchen erneut auf. Im Hemd und mit verbundenen Augen läuft es durch Knochenhaufen - auf den ersten Blick ein Furcht erregendes Motiv. Läuft sie ihren Dämonen davon oder geradewegs in sie hinein? Nicht sehen können ist selbst schon schrecklich genug. Matthias Claudius stellt in seinem Gedicht die Blindheit, das Nicht-Erkennen als Ursache für unsere falschen, oberflächlichen oder ungenauen Reaktionen dar.

Seht ihr den Mond dort stehen?
Er ist nur halb zu sehen
Und ist doch rund und schön.
So sind wohl manche Sachen,
die wir getrost belachen,
weil uns're Augen sie nicht seh'n. [...]

So bietet auch die Westfassade der Christuskirche einen Schutz vor den Dämonen, denn die Knochenmuster sind ein motivisches Zitat. Sie finden sich so oder ähnlich ganz in der Nähe der Kirche: in der Goldenen Kammer von St. Ursula im Kölner Stadtzentrum. Dort sind sie als Reliquien, also als sterbliche Überreste von Schutzheiligen, zusammengetragen und verehrt worden.

Die beiden Längsseiten der Kirche zeigen ebenfalls Zitate. Sie stammen in diesem Fall aus der Kunst, und zwar aus den Capriccios des spanischen Malers Francisco de Goya. Die Capriccios sind eine Reihe von Radierungen, in denen er sich mit den Dämonen seiner Zeit auseinandersetzt und sie seinen Zeitgenossen sichtbar macht. Menschen werden mit Eselsköpfen dargestellt oder von Fledermäusen umflattert (begleitet von der Beischrift "Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer"). Dieses Motiv hat die Künstlerin an der Nordseite der Christuskirche aufgegriffen, wo eine Frau von einem Vampir ausgesaugt wird. An der Südseite fällt jemand eine Treppe hinunter - auch dieses Bild thematisiert Goya in seinen Capriccios. Am Anfang der Treppe liegen Gerümpel und Kisten, die Stufen führen nach ganz oben zu den Sternen, aber dieser Weg ist nicht so einfach, wie er scheint...

Die meisten Zeichnungen um die Kirche herum sind zwiespältig und mehrdeutig. Sie lassen viele Interpretationen und Ausgänge zu, ganz so wie die Geschichte der Christuskirche selbst. Nur im Märchen gibt es ein eindeutiges gutes Ende.

Lorenz Töpperwien


Heinz Kock zum "Kaleidoskop", 26. Februar bis 18. April 2010, Galerie F6, Stiftung Künstlerdorf Schöppingen

Als wir Kinder waren, zog uns das Kaleidoskop in seinen Bann. Der beim Drehen immerfort sich wandelnde Tanz der Lichtflecken und Farbenbüschel bezeugte jedesmal auf's Neue: Dies ist kein optisches Werkzeug, sondern ein magisches Instrument, ein Weltverwandler. Es verlor seine Kräfte nie, hatte jederzeit neue Figuren und Einfälle. Durch die geschickte innere Konstruktion aus Spiegelstreifen und Farbensplittern verblüffte es bei jeder Bewegung mit graziösen Reflexen, aufstrahlenden Lichtern und berauschenden Farbenmustern. Ein Echoraum des Lichts in einer betörenden Endlosschleife. Kein Edelstein konnte schöner sein; keiner lebendiger funkeln und sprühen.

Kaleidoskop hat Nikola Dicke ihre raumgreifende kinetische Lichtinstallation aus gutem Grunde genannt. Anordnung der Elemente, Auswertung der optischen Prinzipien und als Schlüsseleffekt die Drehung von unzähligen Spiegelscherben erzeugen denselben visuellen Ansturm. Sehr hoch an den Raumwänden platzierte Projektoren schicken in steiler Neigung ihre Lichtbündel auf viele als Ensemble am Boden verteilte Scheiben. Diese sind mit den Spiegelscherben überzogen und in stetiger Drehung. Fortlaufend verändern sich so die Winkel des eintreffenden und ausstrahlenden Lichtes. Wie hellster Efeu im Dauerflirren rankt und jagt sich auf diese Weise ein grenzenloser Flächenreigen aus allen möglichen Formen, Umrissen und Brechungen über die Wände der Raumhalle. Jeder Moment erscheint gerade geboren, frisch und neu. In den Projektoren geben Diagläschen mit grafisch freigeschabten Rußschichten den reinen Lichtstrahlen einen modulierenden und lebhaften Tonfall. Verblüffung und Versenkung mischen sich für den Zuschauer, wenn er selber ein Teil des Kaleidoskops wird. Seine Augen dahin und dorthin wendend steht er inmitten der Leuchterscheinungen, in einem vorbeirauschenden und gleichzeitig auf ihn einbrausenden optischen Überschwang und verspürt alle Versprechen eines großen Abenteuers des Sehens und Schauens.

Alles ist gleichzeitig Botschafter von etwas anderem und seiner selbst. Form, Inhalt und Technik der Darbietung arbeiten untrennbar aufeinander zu und erschaffen einen strahlenden Superlativ der Empfindung und des optisch, sinnlichen Reizes. Ansehen und Durchsehen, Rahmen und Bildraum, Vorder- und Hintergrund, Effekt und Wirkung übertreffen ihre Grenzen und stiften einen suggestiven Bildraum, der zu Recht im Titel auf die mythisch-metamorphotischen Zauberkräfte und die hinreißende Bildmagie der Kindergerätschaft verweist.

Heinz Kock