Texte


Elisabeth Kessler-Slotta zur Ausstellung fragile, Kirche Christ König, Bochum, 2014

Schon nach dem Betreten der Kunstkirche Christ König wird die Aufmerksamkeit des Betrachters auf die Rauminszenierung mit der Lichtinstallation gelenkt, deren suggestiver Reiz das sinnliche Erleben intensiviert. Die Materialien dieser dreidimensionalen Kunstform gehen mit dem umgebenden Raum eine unmittelbare, ideale Wechselwirkung ein und verleihen ihm eine so noch nicht gesehene, neue Ästhetik. Spiegelbruch bedeckt in Mosaikformen unterschiedlicher Größe und Ausdehnung den Boden des Kirchenschiffs, des Altarraumes und den Altar selbst. Das Material ist Ausschussware, stammt von einer Glaserei, wurde aber auch nach einem Aufruf der Künstlerin in deren Freundes-und Bekanntenkreis gezielt zu dieser Arbeit gesammelt. Insgesamt sind an die 200 Quadratmeter Spiegelscherben zu Assortiments nicht nur plan, sondern auch geschichtet und zu Schrägen arrangiert worden, da die Neigungswinkel dieser Akkumulationen die Brechung des Lichtes beeinflussen. Neben dem Spiegelglas mit seinen facettenreichen, raumerweiternden wie auch raumzersetzenden Eigenschaften fungieren sechzehn Halogenstrahler als Basismaterial einer Installation, die mit ihren visuellen Erscheinungen über traditionelle künstlerische Medien weit hinausgeht. Dennoch beruhen die optischen Reize auf Kalkül und Zufall zugleich. Platziert in einer Reihung über den Arkadenbögen der Westwand fokussieren die Scheinwerfer die Spiegelscherben, die das Licht gebrochen reflektieren und somit Lichtbilder ganz eigener Prägung an die Ostwand und in die Apsis des Sakralraumes projezieren. Zwar können die Anordnung der Elemente wie auch die Auswertung der optischen Prinzipen geplant und berechnet werden, nicht aber das Faszinosum der Wirkung, das die Sehgewohnheiten des Betrachters aufbricht und dadurch die Wahrnehmung verändert.

Die Spiegelung bemächtigt sich besonders der Ostwand mit ihrem Flächenpotential, dehnt sich von den Arkadenbögen bis hoch zur Decke hin aus und entfaltet ein vielschichtiges Spiel aus Licht- und Schattenbildern. Rahmenlos und ungehindert in ihren Ausmaßen wechseln mannigfaltige Formen von Lichtflecken zu großen hellen Partien, kristallinen Strukturen und prismatischen Effekten, Vorder- und Hintergrund gehen nahtlos ineinander über und suggerieren einen grenzenlosen Illusionsraum in monumentalen Ausmaßen. Unaufhörlich wandern die Blicke des Betrachters hin und her, überwältigt von der Flut der funkelnden Reize. Auch koloristisch spannt sich ein beachtliches Spektrum auf, pastose Farbwirkungen stellen sich ein mit Modulationen von Weiß über Gelblich-Rosa bis hin zu blaugrünen Tönungen. An den Bruchkanten der Spiegelscherben bilden sich sogar kleine Regenbögen, Eindrücke, die zum Staunen animieren. Die Apsis mit ihrer konvexen Außenwölbung affirmiert zusätzlich die Tendenz zu dreidimensionalen, mehrschichtigen Bildern.

Auf allen Wandbereichen lassen sich bei eingehenderer Betrachtung Worte erkennen, die die Künstlerin bewusst integriert hat und die analog zum Synonymwörterbuch den Begriff BRUCH unterschiedlich auffächern, so etwa in den Bezeichnungen „splitterig“, „Riss“, „fragile“ – damit auf den Titel der Installation verweisend -, „Vorsicht“, aber es taucht auch der Begriff „Atempause“ auf. Nikola Dicke hat als versierte Zeichnerin in einer ihr seit Jahren geläufigen Praxis aus rußgeschwärzten Glasplättchen die verschiedenen Wörter herausgekratzt, in die Projektion mit aufgenommen und somit das Thema auch verbal fixiert.

Die Materialien und deren Verwendung entsprechen exakt der thematischen Vorgabe, denn Spiegelbruch und Lichtbrechung erklären sich ganz selbstverständlich. In potenzierter Form verdeutlichen sie spezifische Aspekte des Begriffes BRÜCHE, unter dem sich eine Vielzahl von Bedeutungen subsumieren lässt. Der Bruch bezeichnet allgemein etwas Negatives, das Zerbrechen, Auseinanderbrechen einer ursprünglichen Ganzheit, die Lösung einer Bindung etwa, eine Verletzung, die Nichterfüllung eines Vertrages oder eines Versprechens beispielsweise. Wir kennen den Knochenbruch, die Geologie bezeichnet den Bruch als Verwerfung, und die Kellerei kennt den Weinbruch, es sind also sehr verschiedene Lebensbereiche, in denen der Bruch relevant ist. Doch erst auf den zweiten Blick offenbart der Bruch eine Unterbrechung, eine Atempause, die die Chance zu einem Neubeginn ermöglicht. Auf diese Ambivalenz konzentriert die Künstlerin ihre Gestaltung und führt demonstrativ eine Umwertung vor. Denn es gelingt Nikola Dicke, den Negativaspekt des Fragmentierten, den Spiegelbruch, zu transponieren und mittels der Projektionen positiv umzusetzen in eine Schöpfung aus Lichtspielen von unerwarteter Leuchtkraft . Traditionell fällt dem Licht und dem Lichtspiel im Sakralraum eine herausragende Funktion mit spirituellen Bezügen zu, auch diese Wirkungsästhetik eröffnet die gegenwärtige Rauminstallation in Christ König in besonderer Weise.

Seit den 1960er Jahren gehört das Spiegelglas zu den favorisierten künstlerischen Materialien, hier ist vor allem Christian Megert mit seinem „Spiegelraum“ auf der Documenta IV in Kassel zu erwähnen. Ungebrochen ist seither die Kontinuität der Spiegelverwendung in den Arbeiten von Künstlern. Jüngstes Beispiel in Bochum sind die von Klaus Nixdorf geschaffenen Werke für die aktuelle Ausstellung „SpielRaum“ des bkb (= bochumerkünstlerbundes) im Kunstmuseum. Nikola Dicke dagegen, seit Jahren mit Glas in unterschiedlichen Präsentationsformen arbeitend, hat hier zwar ein für ihr Schaffen charakteristisches Material eingesetzt, dennoch stellt die Installation, die wir heute gemeinsam eröffnen, ein dezidiert für diesen Ort und für diesen Raum entwickeltes Werk dar. Raum und Kunstwerk bilden eine homogene Einheit und zeugen von einer außerordentlichen atmosphärischen Dichte. Erfahren im Umgang mit ungewöhnlichen Materialien, ist es ihr gelungen, mit grenzüberschreitenden Techniken eine spannungsreiche Schöpfung vorzustellen.

Mit der sich im 20. Jahrhundert vollzogenen Wandlung der Rolle des Betrachters innerhalb der Kunst erreicht das Publikum seither eine aktive Beteiligung und eine Steigerung beim Einbinden in das Kunstgeschehen. So auch hier, denn als Teilnehmer ist der Betrachter Zuschauer und Handelnder zugleich. Der Betrachter kann sich frei bewegen und sich selbst für die Perspektive seiner Betrachtung entscheiden. Mit der Bewegung in unmittelbarer Nähe der Spiegelakkumulationen beeinflusst er die Reflexion, erzeugt so Schattenbilder und verändert damit auch die Lichtgestaltung im Raum. Über diesen Aspekt hinaus laden die Lichtspiele der Installation „fragile“, die Nikola Dicke für diesen Raum und für eine begrenzte Zeit geschaffen hat, ein zum Verweilen und zum Versenken. Mit der Vielfalt seiner Projektionen und der Simultaneität der Eindrücke entfaltet das Werk eine hohe Ausdrucksqualität und lässt zudem Raum zu Assoziationen und eigenen Bildern.

Elisabeth Kessler-Slotta


Nikola Dickes „Hermelin und Rosenkranz“ – eine Einführung in die Ausstellung

„Denken wir Dinge und Sachverhalte, so muss es einen Ort geben, der sie spiegelt“ (Kitaro Nishida 1926)

Dieses Zitat stammt vom japanischen Philosophen Kitaro Nishida, dem Begründer der Kyoto Schule, die die Traditionen der westlichen Philosophie mit der fernöstlichen Geistesgeschichte zu verbinden suchte. In seinem Buch „Die Logik des Ortes“ entwirft Nishida ein topologisches Raumkonzept, das sich vom westlichen Konzept eines objektiven und universalen Raumes unterscheidet. Raum ist hier kein Behälter, sondern wird durch Dinge, Konstellationen und Handlungen in der Zeit konstituiert.

Nikola Dickes Arbeit – Hermelin und Rosenkranz – ist derart strukturiert. Sie bezieht sich zwar auf einen gegenwärtigen Ort, kündet aber von den Dingen, Geschehnissen und Personen, die hier einst wirksam waren bzw. sind: das Essener Hochstift und die dort regierenden FürstÄbtissinnen.

Diese Frauen – die dem hohen Klerus angehörten waren starke Frauen, Frauen mit Erfahrung und bewegter Lebensgeschichte; sie standen den Männern in nichts nach (vgl. Küppers-Braun, Ute 2002). Die Auffassung, dass sich das Leben im Stift in reiner Kontemplation vollzog, lässt die Komplexität der mittelalterlichen Gesellschaft außer Acht. Klerus und Adel regierten konkurrierend das Land mittels Lehnswesen und strategischer Heirat. Im Zeitalter von Reformation und Gegenreformation wurde die Lage komplexer. Neben alternativen Glaubenssystemen prägte ein sich professionalisierender ökonomischer Sektor das öffentliche Leben (vgl. Pirenne, Henri 1946 ).

Die Macht des Kaisers schwand zunehmend und die Regierungsgeschäfte wurden durch die jeweiligen lokalen Fürsten übernommen (Elias, Norbert 1969). Auch die FürstÄbtissinnen von Essen waren in solche Zusammenhänge eingespannt. Sie entstammten zumeist hochadeligen Familien, und ihre Wahl wurde direkt vom Kaiser bestätigt. Zunächst aber waren sie die Vorsteherinnen einer spirituellen Gemeinschaft - im Stift versammelten sich ledige Frauen von Adelsstand, ohne dass sie wie in den monastischen Orden die ewigen Gelübde ablegen mussten. Gleichzeitig übten sie öffentliche Regierungsgewalt aus (vgl. Bodarwé, Katrinette / Schilp, Thomas 2002). Dabei wurden die eigenen Bedürfnisse hintenan gestellt - so z.B. die unglückliche Elisabeth von Bergh-s'Heerenberg, deren protestantischer Jugendfreund eine Andere heiratete. Sie gründeten Schulen und Waisenhäuser, tätigten Geschäfte und bereicherten das kulturelle Leben ihrer Zeit. Oft waren sie für weitere Klöster zuständig und regierten das Hochstift aus der Ferne (vgl. Beuckers, Klaus Gereon 2011). „Hermelin und Rosenkranz“ bezeichnet emblematisch diese Lebensführung. Der Hermelin - so die gängige Zuschreibung - würde lieber sterben, als sein Fell zu beschmutzen. Er galt als Symbol der Reinheit und Würde. Insofern war sein Fell dem Hochadel und dem hohen Klerus vorbehalten (Nienholdt, Eva 1958, S. 132–138). Der Rosenkranz, das zentrale Instrument christlich-katholischer Kontemplation, steht für eine nach innen gerichtete Spiritualität (vgl. Frei, Urs-Beat / Bühler, Fredy 2003). Genderstereotypen wurden präzise unterlaufen bzw. ignoriert. Denn als unverheiratete Frauen waren die Äbtissinnen den gesellschaftlichen Anmutungen der weltlichen Frauen entzogen.

Nikola Dicke thematisiert mit künstlerischen Mitteln diesen historischen Kontext und rückt ihn dadurch ins Gegenwärtige. Es braucht also eine poetisierende Form des Gedenkens, die auch auf das Phantastisch-Imaginäre zugreift. Die Systematik der Wissenschaft sortiert und beschreibt das Faktische, macht Strukturen im Modell deutlich. Ein holistisches Begreifen der Vergangenheit mit den Mitteln der Kunst – also der zeichnerischen Animation – verdichtet die greifbaren Spuren und transformiert sie in sinnstiftende Zeichen. Nikola Dickes Arbeit ist eine Form des Artistic Research (vgl. Tröndle, Martin 2011). In ihren beschwingten Zeichnungen werden in Interaktion mit den Wissenschaften neutrale Modelle in lesbare Erkenntnisse überführt. Ihre Kunst verkündet keine historischen Wahrheiten, aber sie macht Sinn. So wird Kunst jenseits des „L'art pour l'art“ biographisch relevant. Historische Narrative werden fortgeschrieben und in neue Erzählungen überführt.

Diese Zeichnungen sind von besonderer Art. Sie werden nicht auf Papier aufgetragen, sondern aus geschwärzten Glasplatten herausgelöst. Es wird etwas freigestellt bzw. sichtbar gemacht. In Weiterführung von Rauschenbergs Versuch eine Zeichnung von Willem de Kooning auszuradieren (vgl. Stemmrich, Gregor 2010, S. 118), werden öffnungen erzeugt, die Licht einlassen und Durchblicke gewähren. Das Negative wird zum Positiv und Anlass für ästhetische Erfahrungen. Diese Zeichnungen sind transparent, sie klären auf. Aber nicht im Sinne der deutschen Aufklärung, die bekanntlich derart über die Dinge informiert, dass sie zu verschwinden drohen. Die Transparenz dieser Lichtzeichnung entspricht dem verwandten Konzept des Enlightenments (Dupre, Louis 2004). Etwas wird erleuchtet, ins Licht gerückt, ohne dass das Geheimnis verschwindet. Die Zeichnungen sind von hoher erzählerischer Dichte und basieren auf einer kundigen Auseinandersetzung mit der materiellen Kultur des Spätmittelalters. Die Vergangenheit wird illuminiert, dass man glaubt, mit den starken Frauen aus Essen in einen Dialog einzutreten. Ein solches inneres Zwiegespräch erzeugt Bilder und Geschichten, die nach außen drängen.

Andreas Brenne

Literatur:

Beuckers, Klaus Gereon: Kaiserliche Äbtissinnen. Bemerkungen zur familiären Positionierung der ottonischen Äbtissinnen in Quedlinburg, Gandersheim und Essen, in: Thomas Schilp (Hrsg.): Frauen bauen Europa. Internationale Verflechtungen des Frauenstifts Essen. Essen 2011.
Bodarwé, Katrinette/Thomas Schilp (Hrsg.): Herrschaft, Liturgie und Raum – Studien zur mittelalterlichen Geschichte des Frauenstifts Essen. Essen 2002.
Dupre, Louis: The Enlightenment & the Intellectual Foundations of Modern Culture. Yale 2004.
Elias, Norbert: Die Höfische Gesellschaft. Frankfurt a. M. 1969.
Frei, Urs-Beat / Bühler, Fredy (Hrsg.): Der Rosenkranz. Andacht – Geschichte – Kunst. Bern 2003.
Küppers-Braun, Ute: Macht in Frauenhand – 1000 Jahre Herrschaft adeliger Frauen in Essen. Essen 2002.
Nienholdt, Eva: Pelz am Herrscherornat, an weltlichen sowie geistlichen Ordens- und Amtstrachten. In: Schöps, Paul: Das Pelzgewerbe. Jahrgang IX/Neue Folge, Nr. 3. Berlin 1958, S. 132–138.
Nishida, Kitaro: Die Logik des Ortes. Darmstadt 1991, S. 72.
Pirenne, Henri: Sozial- und Wirtschaftsgeschichte Europas im Mittelalter. Bern 1946.
Stemmrich,Gregor: Gordon Matta-Clarks Conical Intersect - Kunstwerk zwischen Kulturen, Künsten und medialen Darstellungsformen. In: Fischer-Lichte, Erika/ Hasselmann, Kristiane/Rautzenberg, Markus: Ausweitung der Kunstzone - Interart Studies - neue Perspektiven der Kunstwissenschaften. Bielefeld 2010, S. 118.
Tröndle, Martin/Warmers, Julia (Hrsg.): Kunstforschung als ästhetische Wissenschaft: Beiträge zur transdisziplinären Hybridisierung von Wissenschaft und Kunst. Bielefeld 2011.


Rätselhaftes im Dunkeln
Zeichnerische Interventionen von Nikola Dicke als sozial praktizierte Form der Kunst

Mit ihrem fahrenden Atelier, dem Graffiti-Mobil, besucht die Lichtkünstlerin Nikola Dicke Menschen, Orte, Räume. Dort angekommen projiziert sie als künstlerische Arbeit einfache Umrißzeichnungen, Konturen, Figuren an Hauswände, in Treppenhäuser, auf Dächer. Die Lichtinstallationen scheinen das Bekannte umzukippen, es bekommt etwas Fremdes, Unvertrautes, Rätselhaftes, Geheimnisvolles. Die projizierten Bilder zerschneiden den Kontext des Wirklichen. Dieser Kontext – die Faßade eines Wohnhauses, des Jugendzentrums, des Kulturspeichers oder Bäume im Garten oder im Bürgerpark – öffnet sich dem Spiel, dem Imaginären, dem Fiktionalen, der Geschichte, der Freiheit, der Phantasie. Bei Nikola Dicke bringen Bilder, ins Dunkel gezeichnete temporäre Graffitis, dynamisch Neues hervor. Besonderes Merkmal ihrer Kunst ist die Fähigkeit ihrer Bilder, Kontexte neu hervorzubringen bzw. bekannte, alltägliche Orte zum besonderen Raum werden zu laßen, für einen Abend, für eine Nacht, für wenige Stunden, flüchtig und verzaubernd.

Nikola Dickes Lichtzeichnungen entstehen immer direkt am Ort. Sie sucht Menschen und ihre Häuser, ihre Umgebung, ihren Alltag auf: Begegnungen im Privaten. Das Gesehene und Gehörte regt sie zu gezeichneten Gedanken an, die sich mitunter zu Bildgeschichten ausweiten. In der Zeichnung greift die Künstlerin Elemente der vorhandenen Architektur auf oder sie geht auf die Atmosphäre des Ortes ein oder erzählt eine Geschichte zu den Menschen, die diesen Ort beleben. Handwerklich betrachtet bezeichnet die Künstlerin immer vier Diagläschen und diese werden dann mit vier Diaprojektoren projiziert, so daß sich ein einheitliches Gesamtbild ergibt und Räume, Häuser, Straßen in Lichtskulpturen verwandelt werden. Stets aber ist der Ort Ausgangspunkt ihrer künstlerischen Geste. Allgemein wird mit Ort ein bestimmter Punkt auf der Erdoberfläche bezeichnet. Er hat immer eine geographische Komponente, schließt aber sowohl soziale, kulturelle und biographische wie auch funktionale, bauliche und ästhetische Aspekte mit ein. Und der Ort ist für eine Gruppe von Menschen oder auch einzelne Personen ein wichtiges Medium zur Entwicklung und Ausprägung von Identität. Orte zeichnen sich durch Vielfalt und Differenzen aus, wobei die Beziehung zum Ort allerdings nicht einer einfachen Zuordnung gleicht, sondern mit einem komplexen Prozeß verbunden ist.

Orte definieren sich durch Identifikation, durch gelebte und erfahrene Geschichte, durch emotionale Beziehungen, durch Handeln, durch unmittelbaren sozialen Austausch und durch Wahrnehmung, die durch künstlerische Gesten geschärft und akzentuiert, auch neu belebt und ausgerichtet werden kann.

Nikola Dicke sucht also diese Orte und die dort lebenden oder arbeitenden Menschen auf. Doch sie beläßt das Vorgefundene nicht, sondern interveniert, erobert, besetzt, gestaltet, nicht dauerhaft in Form einer Kunst am Bau, sondern als temporäres und partizipatorisches Projekt. Mithin dient Nikola Dickes Graffiti-Mobil also auch zur Produktion von örtlichkeit, die durch das Aufsuchen der Kunst eine Qualität gewinnt, denn örtlichkeit ist nicht etwas Gegebenes, sondern basiert immer auf Handlungen, Visionen, Entwürfen oder Gestaltungen. Die Künstlerin entwickelt ihre Zeichnungen nicht für den White Cube, sondern arbeitet für einen bestimmten Kontext und greift in konkrete räumliche Entwürfe und Bedingungen des Alltäglichen ein. Der Ort ihrer temporären Lichtintervention hat öffentlichen Charakter. Zwar „beauftragt“ ein Kunde, ein Intereßent, eine Familie die Künstlerin in der privaten Umgebung eine Lichtzeichnung zu realisieren, doch die Lichtzeichnung an sich wird mit ihrer Präsentation öffentlich, ist allgemein zugänglich, wird zum kollektiven Eigentum, das von allen – von den Auftraggebern aber auch von zufällig vorbei gehenden Paßanten – für den Zeitraum der Projektion betrachtet werden kann. Damit wird die zeichnerische Intervention zu einer sozial praktizierten Form der Kunst. Die Arbeit der aufsuchenden Kunst ist eine Konstruktion von Gefühl, das im miteinander Betrachten entsteht. Und über das Gefühlte wird das Bewußtsein für den Raum, für das Zuhause, für das alltäglich Gewohnte befördert: Der unmittelbar erfahrene Raum gewinnt eine kontextbezogene Qualität. Raum existiert nicht im Stillstand als statischer, unveränderbarer Raum, sondern wird immer im Zusammenhang mit dem Prozeß seiner Veränderung betrachtet.

Nikola Dicke konstituiert mit dem Graffiti-Mobil letztlich eine neue örtlichkeit als Produkt künstlerischer wie sozialer Praxis.

Andrea Brockmann


Michael Staab zur Ausstellung "inside out", Osnabrück, 2012

In den dunklen Herbstnachmittagen erscheint auf der Außenwand eines turmartigen Gebäudeteils des Felix-Nussbaum-Hauses in Osnabrück die projizierte Zeichnung eines Vogelkäfigs. Ein ebenfalls in weißen Linien gezeichneter Vogel fliegt über die anderen Außenwände des Museumskomplexes hin zum Käfig. Andere Vögel kommen dazu und fliegen weiter. Doch der Eine bleibt im Käfig zurück. Ein ganzer Schwarm erscheint und verschwindet. Es kommen zwei weitere Vögel geflogen. Zusammen mit diesen beiden fliegt der bisher gefangene Vogel weg. Die Vögel scheinen das ganze Gebäude zu umfliegen, zu durchfliegen, zu überfliegen. Sie verschwinden in den Gebäudelücken und tauchen an anderen Stellen wieder auf. Nach einer Weile beginnt alles von vorne. Es gibt keinen dramatischen Höhepunkt, keine Auflösung, kein Happy End in dieser künstlerischen Licht-Installation im öffentlichen Raum. Der Schwarm zieht bis tief in die Nacht hinein seine immer gleichen Runden und verschwindet schließlich im Dunkel der Nacht.

Nikola Dicke ist Zeichnerin. Und so ist auch diese dem Betrachter als Film erscheinende Lichtinstallation im Grunde eine Abfolge von Einzelzeichnungen. Mehrere Projektoren zeigen die eigens für diese Installation erstellten und digitalisierten Zeichnungen in einer schnellen Abfolge, so dass für das menschliche Auge bewegte Bilder entstehen. Man kennt diesen optischen Effekt nicht erst, seit ihn das Medium Film verwendet, sondern unter anderem vom Thaumatrop, auch Wunderscheibe genannt, die als Kinderspiel seit Jahrhunderten beliebt ist. Auf der Vorderseite einer kleinen Scheibe aus Karton ist ein Käfig abgebildet, auf der Kehrseite ein Vogel. Dreht man nun die Scheibe sehr schnell um ihre Mittelachse, erscheint es uns, als säße der Vogel im Käfig. Durch die vom Betrachter selbst mechanisch erzeugte Bewegung wird in der optischen Wahrnehmung aus zwei einzelnen Bildern ein neues Gesamtbild, das jedoch keine Bewegung darstellt und das real nicht existiert. Der Vogel ist in unserer Sichtweise jetzt dennoch gefangen.

Die Installation „inside out“ in Osnabrück basiert auf der Idee dieser Wunderscheibe und der hier erzeugten optischen Wahrnehmung eines gefangenen Vogels. Nikola Dicke erweitert sie jedoch durch die von ihr eingesetzten künstlerischen und technischen Mittel sowie durch die Wahl des Ortes. Es entsteht eine Einladung an den Betrachter zur Reflektion über die existenziellen Themen Bewegung, Freiheit, Stillstand und Gefangensein. Die gezeigte Animation aus künstlerischen Einzelbildern unterscheidet sich dabei grundlegend von üblichen Betrachtungsweisen medial bewegter Bilder, da hier der Betrachter die räumliche Bewegung der Vögel mitvollziehen und sie bei ihrem Zug ums Museum begleiten muss, um die ganze Geschichte erkennen zu können.

Ausgangsmaterial der gezeigten Projektionen sind rußgeschwärzte Glasscheiben, in die Nikola Dicke mit Nadeln und Stiften ihre Motive als kleinformatige Zeichnungen ritzt. In ihren früheren Installationen wurden diese filigranen Handzeichnungen dann mit teils drehbaren Projektoren und Scheinwerfern auf Innen- oder Außenwände projiziert. So entstehen aus diesen Miniaturen raumgreifende und raumverändernde Lichtzeichnungen. Bei „inside out“ geht Nikola Dicke in der künstlerischen Bearbeitung noch einen Schritt weiter. Die ursprüngliche Ritzzeichnung wird zunächst fotografisch dokumentiert und dann direkt überarbeitet um einen neuen Zustand der räumlichen und zeitlichen Situation des Bildmotives zu erreichen. In einem nächsten künstlerischen Bearbeitungsschritt werden die digitalisierten Fotografien in ein Bildbearbeitungsprogramm übertragen. Hier wird nun nicht mehr mit der Nadel in Ruß geritzt, sondern mit einem digitalen Werkzeug Bild für Bild auf dem Computerbildschirm bearbeitet. So entstehen schließlich neben 14 auf Glasplatte erhaltenen Endmotiven etwa 2.000 künstlerische Arbeiten, die nicht auf einem klassischen Vervielfältigungsmedium wie Lithografie-Stein oder Radierungs-Platte gespeichert sind, sondern im digitalen Druckstock unserer Zeit.

Für die Installation „inside out“ sind jedoch nicht die Einzelwerke entscheidend, sondern ihr serieller Charakter. Es geht hier um den Verlauf, nicht um den Moment. Die Zeichnungen werden deshalb nun in 15 unterschiedlichen Sequenzen aus je 120 bis 140 Bildern aneinandergereiht und können jetzt flächendeckend projiziert werden. Werden die Bilder dabei schnell genug gewechselt, entsteht im Auge des Betrachters der Eindruck eines filmischen Ablaufes. Das ideale technische Medium für die Darstellung dieser Abläufe ist die Umwandlung der zeichnerischen Bildsequenzen in ein digitales Video und anschließend die Projektion mittels lichtstarker Videoprojektoren. Es entstehen so temporäre, bewegte Zeichnungen aus Licht im öffentlichen Raum.

Nikolas Dickes Zeichnungen entstehen trotz des sehr komplexen seriellen Konzeptes und des werkstättlichen Herstellungsprozesses frei, sehr assoziativ und mit gekonnt leichter Hand auf selbst erstelltem, zerbrechlichem und leicht verwischbarem Grund aus Glas und Ruß. Die daraus später entstehenden projizierten Lichtzeichnungen transportieren diese Leichtigkeit ohne Verlust in das große Format, was sie trotz ihrer formalen Größe ohne monumentales Pathos erscheinen lässt. Auch der spürbare temporäre Charakter von Lichtzeichnungen auf Gebäuden ermöglicht dem Betrachter einen einfachen Zugang zum Werk und seinen eigenen Assoziationen ohne von einer musealen Erhabenheitsgeste gelähmt zu werden. Dies wird unterstützt durch eine weitere Eigenheit in diesen Ritzzeichnungen. Aus einer tiefschwarzen Fläche entsteht durch das Einritzen der Linien Transparenz. Man kann durch diese Zeichnungen hindurch noch die Welt sehen. Und so wie die Malgründe zu Beginn des Arbeitsprozesses aus dem Feuer und dem Licht der Öllampe entstanden sind, mit der die Glasscheiben geschwärzt wurden, entstehen später auch die Projektionen durch das Licht der Projektionslampen oder des Scheinwerfers. Die Linien der Zeichnung auf den Gebäuden behalten ihren transparenten Charakter bei: überdecken und verändern nicht den Untergrund, sie erhellen ihn vielmehr, leuchten ihn aus. Das künstlerische Werk verändert spielerisch die gewohnte Wahrnehmung des Gebäudes durch das Publikum und ermöglicht so eine andere Sichtweise auf vertraute Dinge. Im Gegensatz zu einer Wandmalerei erhält nach dem Ausschalten der Projektoren das Gebäude sein vertrautes Aussehen zurück. Was bleibt ist die Erinnerung im Kopf der Betrachter.

Nikola Dickes installative Arbeiten sind immer direkt auf den Ort bezogen den sie bezeichnen, verändern, bespielen. So sind auch die Vögel und ihr Flug in der Installation „inside out“ für den Ort und den öffentlichen Raum Felix-Nussbaum-Haus in Osnabrück entstanden. Der Ort bestimmt den Flug der Vögel. So wie schon zuvor der Architekt Daniel Libeskind von Felix Nussbaum, dem Osnabrücker Maler, der 1944 von den Nazis im Konzentrationslager Ausschwitz ermordet wurde, inspiriert wurde diesem Leben und Werk eine gebaute Form zu geben, die es nach innen und außen in seiner ganzen Zerrissenheit und Tragik erlebbar und nachfühlbar macht. Libeskind wollte mit seinem Gebäudeensemble, seinem „Museum ohne Ausgang“, mehr als eine architektonische Hülle für die erhaltenen künstlerischen Arbeiten schaffen. Vielmehr wollte er der Kommunikation zwischen Betrachter und Werken einen mit Gedanken und Emotionen erfüllbaren Raum bieten, den sich der Betrachter selbst ergehen und erarbeiten muss. So wird eine individuell nutzbare Projektionsfläche für die unterschiedlichen Wahrnehmungen der einzelnen Besucher geschaffen. Diese nutzt Nikola Dicke nun kongenial, aber ohne bleibende gestalterische Übergriffe für ihre temporäre Arbeit „inside out“. Ihre Vögel erscheinen auf den unterschiedlichen baulichen Materialien wie Beton, Stein oder Metall, verändern dadurch ihre Farbigkeit und ihre Form. Sie verschwinden in den Lücken von Libeskinds gebauten Zersplitterungen, Vereinzelungen und Fragmentierungen und fliegen in eigener Dynamik über alle Zerschneidungen und Überschneidungen hinweg. Runde um Runde, in ständiger Wiederholung.

Nikola Dickes Arbeit bezieht sich dabei lediglich assoziativ auf das künstlerische Werk und Leben von Felix Nussbaum. Es ist ihr Angebot an die Betrachter, sich einen Zeitraum und eine Bewegungszeit zu nehmen, um über Freiheit und Gefangenheit, über Schutz und Gefahr, Wahrnehmungs- und Existenzbedingungen zu reflektieren. Das Motiv des Vogels lässt auch in unserer von medialen Bildern überfüllten Zeit, in der Allegorien und Bilddeutung keinen großen Stellenwert mehr besitzen, einen breiten Assoziationsspielraum zu: ob frei wie ein Vogel oder im goldenen Käfig gefangen, aber sicher vor der Katze. Die Installation ist eine Arbeit im öffentlichen Raum. Sie ist für jeden sichtbar, ob Museumsbesucher oder zufälliger Passant. Die Kunst kommt so zurück in den Alltag der Menschen. Frei wie ein Vogel.

Michael Staab, Köln 2012


Marie-Luise Braun zu "The Enlightened Flying Circus", Jerusalem, 2012

Hereinspaziert, hereinspaziert – eine Zirkusvorstellung besonderer Magie hat Nikola Dicke beim Jerusalem Festival of Light im Juni 2012 inszeniert. Dort, wo Passanten sonst an grauen Mauern vorbeieilen, eröffnet die Künstlerin bei einbrechender Dunkelheit ein Spiel mit Licht, Figuren und philosophischen Gedanken.

Am Eingang der Route durch das Christliche Viertel Jerusalems pustet ein in weiß gekleideter Clown bunte Planeten wie Seifenblasen in die Dunkelheit. Dabei schließt er sich selbst in eine der Planetenblasen ein. Wünscht er sich also weit weg? Oder denkt er über seine eigene Rolle auf der Erde nach? Träumt er? In ihrer ganz eigenen Technik hat Nikola Dicke die Figuren in Ruß auf Glasdias geritzt. In der Nacht projiziert die Künstlerin ihre Bilder auf Häuserwände und erschafft so eine ganz spezielle Atmosphäre der Betrachtung. Eingehüllt in die Dunkelheit können sich Gäste Kunst anders nähern als bei Tageslicht. Vielleicht fühlen sie sich beschützter, vielleicht auch weniger beobachtet, wodurch sie sich freier einlassen können.

Eine Einladung an Gäste waren fünf echte Akrobaten, die die Projektionen während des Festivals zusammen mit Zirkusmusik stimmig ergänzten. Dies bildete eine Einheit, die die Besucher angeregt hat, sich auf den Rundgang entlang der Projektionen einzulassen. Zugleich waren die Artisten Ansprechpartner, die Fragen der Besucher beantworteten und die Intention der Künstlerin verdeutlichten.

Mit verbundenen Augen, in der Hand einen Fächer, balanciert ein Seiltänzer an der zweiten Station der zehn Lichtinszenierungen Nikola Dickes. Doch woher kommt der Artist? Es bleibt offen, denn das Seil hängt in der Luft. Vorsichtig, nichts sehend, sich nur auf seinen tastenden Schritt verlassend, kommt er voran. Probiert er etwas Neues aus? Lässt er sich ungeprüft ein? Gibt er sich voller Vertrauen einem anderen hin, der ihn führt?

Ob die Szenen solche Gedanken wecken, hängt von der jeweiligen Situation des Betrachters ab. Er kann die mit leichtem Strich inszenierten Szenen auch einfach schön finden, ohne ihnen eine tiefere Bedeutung zuzuschreiben.

Nikola Dicke lässt sich bei ihren Arbeiten immer vom jeweiligen Ort leiten. Die Künstlerin schafft ihre Werke für diesen Platz. Und so gibt auch der Standort des Festivals den Bildern Kraft. Wie dem Zauberer, der an einer weiteren Station in der Stadt schwebt und eine weiße Taube aus seinem Ohr lockt. ängstlich wirken seine großen Augen. Auch die beiden Luftakrobatinnen, die auf ihren Schaukeln zwischen den Wänden Schwung holen, lassen sich mit Rückschluss auf Jerusalem interpretieren. Sie sind sich ganz nah, ohne sich zu berühren. Im nächsten Moment jedoch könnte eine der Artistinnen ihr Trapez loslassen, um mit ihrer Kollegin eine Figur zu bilden – oder hat sie Angst abzustürzen, wenn sie nicht gehalten wird?

Im kleinen Rahmen, auf fünf mal fünf Zentimetern Glas schafft Nikola Dicke ihre Figuren und Szenen mit leichter Hand. Genau so spielerisch wirken sie auf die Häuserwände projiziert. Spätestens auf den zweiten Blick eröffnen sie aber einen tiefergehenden Hintergrund. Durch den Charme der Zeichnungen wirkt dieser nicht vernichtend, sondern fordert zum ruhigen Betrachten und zur Auseinandersetzung auf.

So lässt sich an einer der letzten Stationen ein blauer Kanonenmann in den Nachthimmel schießen. Waffen sind in Jerusalem alltäglich. Doch dieser „Canonboy“ breitet seine Arme wie ein Vogel seine Flügel aus. Absurd wirkt der Stelzenmann, der sich mit den starren Verlängerungen seiner Beine auf ein Fahrrad schwingen will. In der Hand hält er einen Schirm, der in den Farben des Regenbogens leuchtet. Wieder ergänzt ein Symbol des Friedens das Bild. Anders beim Schlangenmenschen – ist es ein Mann oder eine Frau? In einem Trikot mit den Farben grün, rot und weiß, verbiegt sich die Figur. Gekleidet in die Farben der palästinensischen Flagge scheint sie hier, in den engen Gassen, sicher zu stehen.

An Station acht spielt wieder ein Artist mit Planeten – er jongliert mit ihnen. Das erinnert entfernt an die Szene in „Der große Diktator“, in der Charly Chaplin in dieser Rolle mit einem luftgefüllten Erdballon spielt und so seine Macht demonstriert. Hier aber wirkt es fast noch spielerischer, leichter. Und zugleich seriöser: Der Artist hält einen Planeten fest, damit er nicht auf den Boden donnert.

Lächelnd, selbstsicher, siegesgewiss wirkt der Feuerkünstler, der umgeben ist von einer Spirale aus lodernden Flammen. Ist es nur ein Symbol für das Selbstbewusstsein arabischer Menschen? Oder zeigt das Bild einen Menschen, der seinen Platz auch mit Feuergewalt verteidigen würde? Das wäre hier, an diesem Ort, eine kleine Provokation. Aber durch die Kunst Nikola Dickes ist es eine Aufforderung, über Standpunkte nachzudenken.

Marie-Luise Braun


Susanne Hinsching, Kunsthaus Meyenburg, Nordhausen im Harz, Katalogtext zu "kohlpechrabenschwarz", 2011

Nikola Dicke ist grundsätzlich Zeichnerin, auch wenn sie in ihrer Kunst immer wieder grenzüberschreitende Techniken entwickelt.

Die Auseinandersetzung mit Licht und Schatten ist ein zentraler Bestandteil im künstlerischen Wirken der jungen Künstlerin. Ihre Hell-Dunkel-Kontraste zeugen von einer besonderen Einfühlsamkeit, die den Blick der Künstlerin auf die Welt bestimmt.

Als Technik verwendet sie bevorzugt Materialien wie Kohle und Kreide mit denen sie gleichmäßige, diffuse Flächen erzeugen kann. Aber auch mit der Acryl-Farbe erreicht sie die gleiche Wirkung, so dass auch hier die Grenzen der Technik verschwimmen. Als Motive wählt Nikola Dicke sowohl Alltägliches als auch Nichtalltägliches und rückt das Dargestellte durch ihre Sichtweise in den Mittelpunkt ihrer Werke. Der Betrachter erlebt so das Dargestellte durch den Blick der Künstlerin neu.

Durch die Wahl der Motivausschnitte, die jeweils nur noch einen Teil des ursprünglichen Ganzen zeigen, erreicht die Künstlerin eine Abstrahierung des dargestellten Motivs, die durch ihre Schwarz-Weiß-Schattierungen noch verstärkt wird. Bei der Arbeit „Entschwunden“ sieht man beispielsweise den Sockel und den Baldachin eines Denkmals, die Denkmalskulptur selbst fehlt. Der Betrachter hat also alle Freiheiten und Möglichkeiten der Phantasie, sich die Skulptur vorzustellen oder eine Geschichte des Verschwindens zu erfinden.

In „The morning after“ (Acryl auf Leinwand), das nach einer New York-Reise entstanden ist, zeigt Dicke nicht nur einen ungewöhnlichen Bildausschnitt - mit dem harten Anschnitt einer weiblichen Statue links und einer in den rechten Bildvordergrund gedrückten männlichen Figur -, sondern erzählt sogar eine ganze Geschichte. Das eigentlich von einer Statuengruppe im New Yorker Central Park stammende Bildmotiv versieht Nikola Dicke - durch ein paar Sonnenstrahlen inspiriert – mit einem Eigenleben, welches das Statuarische in den Hintergrund drängt. Die Skulpturen und deren Schatten agieren auf faszinierende Weise miteinander; verbunden durch eine Aufreihung von Vögeln suggerieren sie eine gegenwärtige und vergangene Beziehung, deren Geheimnis zu ergründen jedem Betrachter selbst überlassen bleibt.

Die Werke von Nikola Dicke sind immer durch den Kontrast von Schwarz und Weiß geprägt, wobei sie das Schwarz benutzt, um die weißen Flächen besonders zum Leuchten zu bringen. Das kommt in ihrer Technik der Dia-Zeichnungen, in denen sie rußgeschwärzte Diarahmengläser zeichnerisch - durch Kratztechnik - bearbeitet und dann vergrößert projiziert auf eindrucksvolle Weise zum Ausdruck. Auch diese Miniatur-Zeichnungen sind stets kompositorisch ausgewogen und perspektivisch präzise ausgeführt.

Das Motiv des Vogels beschäftigt Nikola Dicke derzeit in vielen verschiedenen Arbeiten. „Der Vogelfänger“ ist z.B. eine Installation aus Plexifolie mit Leuchtmitteln, bei denen die Suggestion des Käfigs – ähnlich wie bei den Diabildern – durch Ritzung auf dunklem Untergrund entstehen. Wie Lampions arrangiert die Künstlerin ihre „Käfige“ dann in der „KEIMZELLE KUNST“. Auch in der Lichtprojektion „Geflatter“ stehen Vögel, diesmal nicht nur durch Licht bewegt, im Mittelpunkt der künstlerischen Auseinandersetzung. Genauso wie in den jüngsten Glasbildern, bei denen die rußgeschwärzten Flächen durch Negativeffekt in faszinierende Wasser,- Berg- oder Wolkenlandschaften verwandelt werden, in welchen Vögel stehend oder fliegend das Schwarz durchbrechen und sowohl Tiefe als auch Bewegung auf der monochromen Fläche erzeugen.

Durch diese ungewöhnliche Kombination von Zeichnung und Bildprojektion erreicht die Künstlerin eine Integration des Lichtes in ihren Werken.

Nikola Dicke erzeugt mit allen ihren Arbeiten eine fast rätselhafte oder geheimnisvolle Stimmung, die sich auf den Betrachter überträgt.

Von ihren Bildern erhalten wir sowohl Fragen als auch Antworten. Sie verführen zum tiefen Nachdenken, schaffen Sehnsüchte nach Ruhe und ermöglichen es auch, eine Auszeit von der Welt zu nehmen.

Susanne Hinsching


André Lindhorst (Kunsthalle Osnabrück) zur Ausstellung "Stadtbande" von Nikola Dicke, Bremen, 2011

Erlauben sie mir, dass ich eine kleine Vorbemerkung zur Geschichte der Kunst im öffentlichen Raum der Stadt Bremen mache.

Es ist heute aus dem allgemeinen Bewusstsein verschwunden, dass Bremen Anfang der 1980er Jahre eine Vorreiterrolle im Bereich der Kunst im öffentlichen Raum - insbesondere von künstlerischen Wand- und Fassadengestaltungen - gespielt hat.

Ich komme aus Osnabrück.

Und Bremens Fassadenkunst der 1980er Jahre (einiges sieht man davon an Bremens Häuserwänden auch heute noch) war damals für andere Städte dieser Größenordnung in Deutschland völliges Neuland.

Bremens künstlerische Fassaden- und Wandmalereiprojekte waren ein großes Vorbild für Kunst-im-öffentlichen-Raum-Projekte nicht nur meiner Heimatstadt Osnabrück, wo man das Bremer Modell viel diskutiert und schließlich auch imitiert hat.

Auch viele andere Städte in der Bundesrepublik übernahmen das Bremer Modell, wobei Künstler nach dem Vorbild Bremens öffentliche Aufträge erhielten und viele auch von ihrer Kunst leben konnten.

Hinzu kam, dass der Schritt der Kunst hinaus aus den Museen und Galerien auf die Realität der Straßen, wie er in Bremen so vorbildhaft erprobt wurde, zwar nicht etwas absolut Neues, aber doch etwas Bahnbrechendes und Aufsehen erregendes an sich hatte.

Ich habe auf diesen geschichtlichen Aspekt in Bremens Kunstgeschichte deshalb hingewiesen, weil ich finde, dass Nikola Dicke mit ihrem Lichtkunstprojekt - wenngleich mit anderen Mitteln - an diese eindrucksvolle Bremer Kunsttradition anschließt.

Ich selbst staune immer wieder, wie Nikola Dicke das eigentlich alles schafft, derart schwierige und von der Recherche und der Logistik her außerordentlich komplexe und monumentale Lichtkunstprojekte - heute in Osnabrück, dann wieder in Köln oder Stuttgart und jetzt im Stephaniviertel in Bremen - zu inszenieren.

Hier im Stephaniviertel sind es alleine acht Stationen, die entstanden sind und die sich thematisch mit der Historie dieses Viertels, aber auch mit ihren Geschichten und Mythen rund um das Stephaniviertel und das Faulenquartier auseinandersetzen. Was ist der Gewinn durch eine solche Kunst?

Man könnte sagen, sie bereichert uns und führt uns aus dem täglichen Allerlei heraus.

Aber diese Kunstaktion war zumindest für viele Bewohner dieses Viertels nicht nur eine sinnliche oder ästhetische Erfahrung, sondern sie war mehr, weil viele Bürger in die Prozesse, die zur Realisierung führten, involviert waren und mithalfen.

Insofern war es sicher auch ein interessantes Gemeinschaftserlebnis und neue positive Erfahrung im Miteinander für alle Teilnehmenden, eine solche Aktion gemeinsam bewerkstelligt zu haben.

Und es ging ja schließlich auch darum, unsere Augen für die Besonderheiten und für die urbanen und geschichtlichen Aspekte eines Ortes, an dem man arbeitet oder wohnt, zu öffnen. Aber wie geht das eigentlich? Wie funktioniert so eine Technik, mit der man so monumentale Bilder an die Wände werfen kann? Diese Frage hört Nikola Dicke sehr oft. Kurz gesagt - das geschieht einfacher, als man es sich vorstellt.

2003 hat Nikola Dicke "eine alte Kindergartentechnik" - wie sie es nennt - für ihre Kunst entdeckt. (...) So entstehen auf dem Dia winzige Miniaturzeichnungen, die dann per Projektor monumental auf Häuserfassaden projiziert werden können. Mit dieser verblüffend einfachen Methode bewirkt Nikola Dicke ein faszinierendes Kunsterlebnis. Und das Besondere daran ist, dass dieses Kunsterlebnis den Blick auf alltägliche Situationen, die wir eigentlich allzu oft nur beiläufig wahrnehmen, schlagartig verändert. Denn der Künstlerin geht es ja nicht nur darum, einen Straßenzug oder ein Stadtviertel oder eine Architektur durch Kunst aufzuwerten.

Sondern es geht ihr besonders darum, unser Bewusstsein für die Eigenart eines Ortes zu schärfen. Ausgehend von einer Einladung der Kulturkirche St. Stephani durch Pastor Achim Kunze, hat Nikola Dicke bereits seit letztem Sommer an der Idee einer größeren Kunstaktion im Stephaniviertel gearbeitet.

Dass sich Bürger des Faulenquartiers, darunter Gewerbetreibende, eine Kaffeerösterei beispielsweise und ein Cafebetreiber - als Standortgemeinschaft zusammengetan haben, um dieses historische Stadtviertel auch über kulturelle Veranstaltungen aufzuwerten, kam ihr entgegen und hat viele Türen geöffnet.

Nikola Dicke hat sich in die Geschichte des Viertels eingearbeitet. Sie hat sich mit volkstümlichen Überlieferungen und mit Legenden und Mythen rund um dieses Stadtviertel beschäftigt und darauf schließlich in ihrer Kunst Bezug genommen.

Hier ein Beispiel: Der Bremer Volksmärchen Schriftsteller siedelte im Faulenquartier seine Legende der Sieben Faulen an, auf die Nikola Dicke in einer Lichtinstallation anspricht. Ihre Häuser sollen die "Faulen", die in den Tag hinein lebten und sich als Tagediebe durchschlugen, an die von ihnen befestigte Faulenstraße gebaut haben. (Das ist eine Variante dieses Märchens - es gibt eine Menge Varianten mehr)

Tatsächlich allerdings bezieht sich der Name "Faulenstraße" auf einen historischen Begriff: So bezeichnete man im Mittelalter eine schmutzige und ungepflasterte Straße als "Faulenstraße".

Ergänzend ist noch zu sagen, dass die Faulenstraße für Bremen lange eine ganz wichtige Verbindungstraße für Transporte vom und zum Hafen war, denn bis vor den zweiten Weltkrieg führte die Faulenstraße direkt via Hafenstraße zum Überseehafen.

Um die einzelnen Standorte für ihre Lichtkunst festzulegen, hat Nikola Dicke Hauswände und Orte inspiziert, hat mit Hausmeistern, Handwerkern, Geschäftsinhabern, Unternehmern, Hausbesitzern oder Mietern von Wohnungen gesprochen und neben den vielen zu klärenden Fragen - beispielsweise, wem gehört diese Hauswand, die ich bespielen will und woher bekomme ich die Genehmigung, oder woher bekomme ich den Strom für meine Projektoren - die Menschen im Viertel in vielen Einzelgesprächen für ihr Vorhaben interessiert.

Und dabei ist sie überall auf Interesse und offene Ohren gestoßen und hat zum Beispiel ihre Technik nicht nur in Büros, sondern auch in Abstellkammern und Wohnzimmern und sogar in Schlafzimmern der Häuser um die Faulenstraße aufbauen können, um die Projektion in die richtige Richtung bringen zu können. Viele haben bei der Verwirklichung und bei den großen und kleinen Problemlösungen geholfen. Insofern ist aus der engen Zusammenarbeit von Künstlerin, Veranstalter und von Menschen, die in diesem Stadtteil wohnen oder arbeiten, ein Gemeinschaftswerk geworden, das vielleicht zur noch stärkeren Verbindung und Identifikation mit diesem in vielerlei Hinsicht interessanten Bremer Stadtviertel beiträgt.

Vielleicht haben sich ja auch einige Menschen, die hier leben und arbeiten, überhaupt erstmals mit der Geschichte und den Geschichten dieses Viertels befasst.

Ich kann mich nur dem Dank an alle, die zur Realisierung beigetragen haben, anschließen und wünsche Ihnen einen interessanten Rundgang.

André Lindhorst


Heinz Kock zum "Kaleidoskop", 26. Februar bis 18. April 2010, Galerie F6, Stiftung Künstlerdorf Schöppingen

Als wir Kinder waren, zog uns das Kaleidoskop in seinen Bann. Der beim Drehen immerfort sich wandelnde Tanz der Lichtflecken und Farbenbüschel bezeugte jedesmal auf's Neue: Dies ist kein optisches Werkzeug, sondern ein magisches Instrument, ein Weltverwandler. Es verlor seine Kräfte nie, hatte jederzeit neue Figuren und Einfälle. Durch die geschickte innere Konstruktion aus Spiegelstreifen und Farbensplittern verblüffte es bei jeder Bewegung mit graziösen Reflexen, aufstrahlenden Lichtern und berauschenden Farbenmustern. Ein Echoraum des Lichts in einer betörenden Endlosschleife. Kein Edelstein konnte schöner sein; keiner lebendiger funkeln und sprühen.

Kaleidoskop hat Nikola Dicke ihre raumgreifende kinetische Lichtinstallation aus gutem Grunde genannt. Anordnung der Elemente, Auswertung der optischen Prinzipien und als Schlüsseleffekt die Drehung von unzähligen Spiegelscherben erzeugen denselben visuellen Ansturm. Sehr hoch an den Raumwänden platzierte Projektoren schicken in steiler Neigung ihre Lichtbündel auf viele als Ensemble am Boden verteilte Scheiben. Diese sind mit den Spiegelscherben überzogen und in stetiger Drehung. Fortlaufend verändern sich so die Winkel des eintreffenden und ausstrahlenden Lichtes. Wie hellster Efeu im Dauerflirren rankt und jagt sich auf diese Weise ein grenzenloser Flächenreigen aus allen möglichen Formen, Umrissen und Brechungen über die Wände der Raumhalle. Jeder Moment erscheint gerade geboren, frisch und neu. In den Projektoren geben Diagläschen mit grafisch freigeschabten Rußschichten den reinen Lichtstrahlen einen modulierenden und lebhaften Tonfall. Verblüffung und Versenkung mischen sich für den Zuschauer, wenn er selber ein Teil des Kaleidoskops wird. Seine Augen dahin und dorthin wendend steht er inmitten der Leuchterscheinungen, in einem vorbeirauschenden und gleichzeitig auf ihn einbrausenden optischen Überschwang und verspürt alle Versprechen eines großen Abenteuers des Sehens und Schauens.

Alles ist gleichzeitig Botschafter von etwas anderem und seiner selbst. Form, Inhalt und Technik der Darbietung arbeiten untrennbar aufeinander zu und erschaffen einen strahlenden Superlativ der Empfindung und des optisch, sinnlichen Reizes. Ansehen und Durchsehen, Rahmen und Bildraum, Vorder- und Hintergrund, Effekt und Wirkung übertreffen ihre Grenzen und stiften einen suggestiven Bildraum, der zu Recht im Titel auf die mythisch-metamorphotischen Zauberkräfte und die hinreißende Bildmagie der Kindergerätschaft verweist.

Heinz Kock


Lorenz Töpperwien zur Lichtzeichnung "In der Dämm'rung Hülle", 23. bis 31. Januar 2010, Christuskirche, Köln

Der Mond ist aufgegangen,
die gold'nen Sternlein prangen
am Himmel hell und klar.
Der Wald steht schwarz und schweiget,
und aus den Wiesen steiget
der weiße Nebel wunderbar.

Das bekannte Gedicht von Matthias Claudius war für die Künstlerin der rote Faden bei der Arbeit an der Zeichnung aus Licht, die im Januar 2010 für gut eine Woche rund um die Kölner Christuskirche zu sehen war. Deren Turm nahm das Motiv der "gold'nen Sternlein" auf. Sie fallen in den Rock des Mädchens, das im Märchen vom "Sterntaler" alles weggegeben hat, was es besaß. Am Ende bekommt es ein neues Hemd, in das die Sterne als goldene Taler herabregnen.

Wie ist die Welt so stille
und in der Dämm'rung Hülle
so traulich und so hold
als eine stille Kammer,
wo ihr des Tages Jammer
verschlafen und vergessen sollt. [...]

Das Sterntaler-Märchen hat ein gutes Ende: Abends in der Dunkelheit erzählt, soll es Trost und Erbauung sein, in der "stillen Kammer" soll man "des Tages Jammer" vergessen können. Aber das ist ja nur die eine Seite der Dämmerung. Viel häufiger erfahren wir sie als Bedrohung, als die Zeit, die Teufel und Dämonen gebiert. Das ist eine urmenschliche Erfahrung. Im Mittelalter reagierten die Menschen darauf, indem sie die Westfassaden der Kirchen mit Schutzpatronen, Drachentötern oder auch ganzen Legionen von Heiligen ausstatteten. Denn der Westen, die Abendseite, ist die Richtung, aus der die Dämonen kommen.

An der Westfassade der Christuskirche taucht das Mädchen aus dem Sterntaler-Märchen erneut auf. Im Hemd und mit verbundenen Augen läuft es durch Knochenhaufen - auf den ersten Blick ein Furcht erregendes Motiv. Läuft sie ihren Dämonen davon oder geradewegs in sie hinein? Nicht sehen können ist selbst schon schrecklich genug. Matthias Claudius stellt in seinem Gedicht die Blindheit, das Nicht-Erkennen als Ursache für unsere falschen, oberflächlichen oder ungenauen Reaktionen dar.

Seht ihr den Mond dort stehen?
Er ist nur halb zu sehen
Und ist doch rund und schön.
So sind wohl manche Sachen,
die wir getrost belachen,
weil uns're Augen sie nicht seh'n. [...]

So bietet auch die Westfassade der Christuskirche einen Schutz vor den Dämonen, denn die Knochenmuster sind ein motivisches Zitat. Sie finden sich so oder ähnlich ganz in der Nähe der Kirche: in der Goldenen Kammer von St. Ursula im Kölner Stadtzentrum. Dort sind sie als Reliquien, also als sterbliche Überreste von Schutzheiligen, zusammengetragen und verehrt worden.

Die beiden Längsseiten der Kirche zeigen ebenfalls Zitate. Sie stammen in diesem Fall aus der Kunst, und zwar aus den Capriccios des spanischen Malers Francisco de Goya. Die Capriccios sind eine Reihe von Radierungen, in denen er sich mit den Dämonen seiner Zeit auseinandersetzt und sie seinen Zeitgenossen sichtbar macht. Menschen werden mit Eselsköpfen dargestellt oder von Fledermäusen umflattert (begleitet von der Beischrift "Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer"). Dieses Motiv hat die Künstlerin an der Nordseite der Christuskirche aufgegriffen, wo eine Frau von einem Vampir ausgesaugt wird. An der Südseite fällt jemand eine Treppe hinunter - auch dieses Bild thematisiert Goya in seinen Capriccios. Am Anfang der Treppe liegen Gerümpel und Kisten, die Stufen führen nach ganz oben zu den Sternen, aber dieser Weg ist nicht so einfach, wie er scheint...

Die meisten Zeichnungen um die Kirche herum sind zwiespältig und mehrdeutig. Sie lassen viele Interpretationen und Ausgänge zu, ganz so wie die Geschichte der Christuskirche selbst. Nur im Märchen gibt es ein eindeutiges gutes Ende.

Lorenz Töpperwien


André Lindhorst (Kunsthalle Osnabrück) zur Ausstellung "Süderkreuz und Polarstern" von Nikola Dicke, 21. März - 15. April 2009, Stadtgalerie Osnabrück

Gezeichnet hat Nikola Dicke immer und zwar weit vor ihrem Studium an der Kunstakademie in Münster. Aber bei den Kunstprofessoren Ludmilla von Arseniew (deren Meisterschülerin Nikola Dicke 2004 wurde) und bei Michael van Ofen entwickelt und schärft sie ihre künstlerischen Bildstrategien. Beide, von Arseniew und van Ofen, verbindet sicher das Landschaftsthema und auch, dass sie in ihren Bildmotiven der phänomenologischen Wirksamkeit des Lichts nachspüren. Die Auseinandersetzung mit Licht und Schatten ist schließlich auch zentraler Bestandteil im künstlerischen Prozess von Nikola Dicke geworden.

Die Gemälde und Zeichnungen der heute in Osnabrück lebenden Künstlerin sind durch Hell-Dunkel-Kontraste charakterisiert. Allerdings kommt eine für die Künstlerin typische Besonderheit hinzu: die Radikalität, mit der Ausschnitte und Standorte aus der alltäglichen Umgebung herausgezogen und inszeniert werden. "Ich male oder zeichne nie abstrakt, sondern die Motive, die mich interessieren, kommen immer aus der Realität des Alltags. Ich ziehe schon mit diesem Blick auf Details los, wenn ich durch eine Stadt gehe oder eine Landschaft bereise. Etwas bleibt dann hängen, was mich sehr lange beschäftigt."1

Es finden sich viele Reisebilder im Oeuvre der Künstlerin: Der italienische Hafen von Genua hat die Künstlerin lange fasziniert und auch die so sonderbar in die Hügellandschaft Israels hineingeschichtete Stadt Jerusalem. Auf den Lofoten, im Nordmeer von Norwegen, hat sie gemalt, bis sie im Zwielicht nichts mehr sehen konnte. Typisch für die Künstlerin ist, dass sie ihre Zeichnungen nie mit Bleistiften, sondern mit Materialien anfertigt, mit denen man gleichmäßige schwarze Flächen erzeugen kann. Zum Teil fotografiert sie ihre Motive auch, um die Fotos als Arbeitsgrundlage für ihre Zeichnungen zu verwenden.

Ihre Motive abstrahiert Nikola Dicke in ihrer Malerei und in ihren zumeist kleinformatigen Zeichnungen bis zu einem Punkt, an dem sie unwirklich, entrückt und rätselhaft erscheinen. Nicht nur das Schwarzweiß, sondern auch die wie herangezoomt wirkenden Ausschnitte irritieren jene Vertrautheit, wie wir sie bei Tageslicht vor denselben Motiven - einem Architekturausschnitt oder einer Straßenszene beispielsweise - empfinden würden. Diese kleinen künstlerischen Kontextverschiebungen als Resultate der künstlerischen Befragung der Phänomene im Zwielicht zwischen Tag und Nacht verändert den Blick auf Vertrautes schlagartig. Die Gegenstände, Figurationen und Strukturen bekommen plötzlich eine bedeutungsschwere, rätselhafte und geheimnisvolle Ausstrahlung. Das Besondere dieses Phänomens liegt darin, das in Nikola Dickes Bildern etwas Unerwartetes aufscheint, etwas, das nicht wirklich in Erscheinung tritt aber dennoch vom Betrachter atmosphärisch wahrgenommen wird. Etwas, das man spürt, aber nicht sieht.

Nikola Dickes Bilder werfen Fragestellungen auf, die uns beschäftigen, ohne das wir Gewissheiten gewinnen können. Unwillkürlich lassen manche Motivausschnitte, die immer um den Übergang vom Licht zum Dunkel oder vom Dunkel zum Licht kreisen, an Tatortfotos denken. Die Wirkung dieser Bilder ist ambivalent; sie bewirken ein faszinierendes Kunsterlebnis, zumal der Betrachter die Bilder als "nur" ästhetisch-abstrakte Kompositionen wahrnehmen kann, aber eben auch anders, weil sie auch Gefühle von Gefahr, Bedrohung und Verstörtheit hervorrufen können. Auch haben diese Bilder etwas von Traummomenten oder von Erinnerungsbildern, die aus den tiefsten Schichten unseres Bewusstseins heraufdämmern. Die Bilder der Künstlerin führen die klare Lesbarkeit der Dinge ad absurdum.

Parallel zu ihren Zeichnungen zeigt Nikola Dicke in der Stadtgalerie Lichtprojektionen in einer breiteren raumästhetischen Syntax. 2003 hat sie "eine alte Kindergartentechnik", wie sie es nennt, für ihre Kunst entdeckt. [...] Mit dieser ebenso einfachen wie verblüffenden Methode bietet sich der Künstlerin die Möglichkeit, ihr Thema mit einfachsten Mitteln in das Medium Lichtkunst und in wandfüllende Dimensionen Indoor und Outdoor zu transferieren.

Nikola Dickes Kunst steht in einer langen Tradition von Malerei und Grafik, die mit den frühen Nachtbilder der Maler des ausgehenden 15. Jahrhunderts beginnt und mit der Hell-Dunkel-Malerei der alten italienischen und niederländischen Meister, wie zum Beispiel Caravaggio und Rembrandt oder auch den Nachtvisionen von Francisco de Goya, an die Moderne herangeführt wird. In der Gegenwartskunst findet sich diese Spur in den Visionen von Nachtbildern des Amerikaners Edward Hopper wieder.

André Lindhorst

1. Die kursiv gesetzten Zitate beziehen sich auf ein zwischen Nikola Dicke und André Lindhorst im März 2009 geführtes Interview.


Markus Stein zur "Kleinen Heiligenlitanei", Stiftung Künstlerdorf Schöppingen 2009

SCHWÄRZE aus licht. schmutz aus verbrennung, lampenruß auf glas. unvorhersehbare struktur aus sich überlagernden schichten. zeichnungen aus der dunkelheit ausgekratzt, -geritzt und -gewischt. sonnenlicht wirft die zeichnung an die wand. ein projektor zeigt das bild des bildes des abbilds und läßt sein licht in struktur, zeichnung und schwärze spielen. in texturen gebannte bewegungen der flamme spielen ineinander. stofflich ist das in rußpartikeln gebrochene licht im schwarz und unstofflich im durchscheinenden glas zugleich. das weggelassene, die weggezeichnete form ist das sonnenlicht auf der dargestellen figur. ein negatives positiv, oder ein positives negativ? licht spielt in den ausfransenden rändern, den sepiatönen halbdeckender schichten. nachgerußte flächen überlagern sich zu einem dreidimensionalen gebilde. im dia projiziert, vergrößert, entsteht ein raum, in den du hineintreten kannst, selbst ein schattenriß, schärfer und unschärfer zugleich. ganz eingetaucht ins eigene vergessen. von der anderen seite betrachtet, durchs glasbild hindurch, scheint das blaugraue licht eines verregneten tages. das rußbild wird zur fenstermalerei. sakral in der form und weltlich in der darstellung der heiligenstatuen.

allerheiligenLITANEI. der name sagt's schön: sämtliche heilige werden angerufen. von viel kommt viel. zur sicherheit, schaden kann's nicht. der ritus des immergleichen, immerwiederkehrenden im wechselgesang ist meditation, das heraustreten aus profaner wirklichkeit, der entrückte, tiefere und gleichzeitig detachierte blick auf unsere welt. angestrahlt behelligt schaut der heilige aus stein am wegesrand, auf der brücke, am stadttor. in den zeichnungen Nikola Dickes haben wir die gelegenheit, neu und versunken auf die weit in die zeit schauenden heiligen zu blicken und sie völlig diesseitig als licht selbst zu entdecken.

Markus Stein


Wolfgang Türk zur Ausstellung "Zwielicht", 10. Dezember 2009 bis 31. Januar 2010, Foyer der Städtischen Bühnen Münster

Eingetaucht in ein diffuses Zwielicht, das die scharfen Konturen weich zeichnet, bisweilen aufzulösen scheint, erheben sich an den Wänden Lichtarchitekturen von flüchtiger Schönheit: Ephemeren Konstrukten gleich liegt ihr suggestiver Reiz im Gebot einer distanzierten Betrachtung. Eine zu starke Annäherung verschattet das Detail, verbirgt Teile des Baukörpers und lässt die immateriellen Räume verschwinden. Ein Ausfall der Lichtquelle schließlich kann unvermittelt die fein ziselierten Architekturformen in nachtende Dunkelheit auflösen oder gar ganz zum Erlöschen bringen.

Nikola Dicke erliegt in ihrem Arbeiten dem temporären Reiz des Lichts, das sie nicht körperlich oder dinglich wahrnehmbar macht, sondern gleichsam als Zeichenmaterial benutzt, um ihre unmittelbare Umgebung in der vorübergehenden Präsenz des gewählten Mediums nachzubilden. Inspiriert vom genius loci ritzt sie die wahrgenommenen Versatzstücke des architektonischen oder urbanen Umfelds in die mit Ruß geschwärzten Glasscheiben. Kleinformatig erschaffen, großformatig präsentiert, verwandeln sich Räume, Gebäude und Straßen durch die Projektion zu riesigen Lichtzeichnungen, die den Betrachter in eine ganz eigene Raum- und Zeitwahrnehmung eintreten lassen. Was in der Realität auf Dauer geplant ist, erweist in der reproduzierenden Nachzeichnung seine Zeitweiligkeit, lässt sich in der Abbildung ganz unvermittelt auslöschen.

Die Architektur als Ausgangspunkt wird in ein Medium überführt, das sich aufgrund seines unstofflichen Charakters paradoxerweise als weniger modifizierbar und wandelbar erweist als die gebaute Wirklichkeit. Schon in der Nachzeichnung in das geschwärzte Glas zeigt sich die Unmöglichkeit einer Korrektur, da der sich eingrabende Zeichenstift den Malgrund zerstört und Änderungen verhindert. Jeder Strich erhält eine Verbindlichkeit, wird unverrückbar, widersetzt sich der Revision. Als durchscheinende Lichtzeichnung auf die plane Wand geblendet, erweist sich das vermeintlich dreidimensionale Gebäude als ein verzauberndes, gleichsam feenhaft anmutendes Trugbild, das - einer Fata Morgana gleich - verschwindet, je mehr man versucht, seinem einladenden Gestus nachzukommen und es zu betreten.

Die vor Ort gewonnenen Impressionen - im Fall des hiesigen Ausstellungsorts die Gartenfront des Romberger Hofs, die moderne Skulptur des Innenhofs, die benachbarte Kirche und das Bankgebäude - werden zu Bildern einer Laterna Magica, die sich für den Betrachter beim Abschreiten zu einem durchscheinenden Abbild des urbanen Umfelds in seiner Gesamtheit zusammensetzen. Die realen Lichtquellen des Außenraums treten dabei in ein teils konkurrierendes, teils komplementäres Verhältnis zu den leuchtenden Bildern an den Wänden. Während ihre durch Fahrzeuge, Verkehrszeichen und Werbung unruhig flackernde Lichtfülle zu den harmonisch, fast kontemplativ wirkenden Leuchtbildern in krassem Widerspruch steht, setzt sie andererseits verbindende Bezugspunkte zwischen der realen Architektur und dem in Licht gezeichneten Umrisse der Gebäude. Das "Zwielicht", das aus zwei Quellen gespeiste Licht, bescheint eine Szenerie, in der das urbane Umfeld fragmentarisch in den Ausstellungsraum der porträtierten Bauten hineinleuchtet, in der Vorlage und Abbild, Original und Nachschöpfung im verbindenden Medium des Lichts zueinander finden.

Wolfgang Türk


Wolfram Heistermann zur Ausstellung "endless story", 14. bis 28. Dezember 2008, ehemalige Synagoge Drensteinfurt

Bei der Lichtinstallation von Nikola Dicke in der ehemaligen Synagoge Drensteinfurt handelt es sich um eine bewegte Standbildprojektion. Da sind zunächst als Ausgangsbilder zwei Dias [...] im Kleinbildformat, sozusagen die "Software". Dann gibt es da noch einige Geräte, Projektoren, Motoren und von ihnen gedrehte, etwas unförmige, mit spiegelnder Folie bespannte Reflektionskörper, die "Hardware". Der Raum wird mit Inventar und allen darin befindlichen Personen zur Bildfläche. Der Besucher also mittendrin und Teil des Bildes.

Zu sehen sind zwei in Stellung gebrachte Projektoren, bei etwas staubiger Luft deren Projektionsstrahlen, die langsam sich drehenden, Bild störenden Reflektoren und Projektionen auf dem Fußboden und an den Wänden, zum einen als Diabild statisch am Boden, zum anderen als schlierige Streiflichter langsam durch den Raum wandernd, dessen Tiefen und Untiefen auslotend. Durch wechselnde Einfallswinkel, sich mehr oder weniger verzerrend, suggerieren sie so etwas wie eine in schwingender Bewegung befindliche Unterwasserwelt, assoziieren polare Lichterscheinungen oder durchs All streifende Astralnebel. Es kommt zu einer stark veränderten Wahrnehmung des Raumes. Die Dimensionen verschieben sich, desgleichen die Stimmung und die Atmosphäre. Der Raum erweitert sich gefühlt bis ins Unendliche und verdichtet sich zugleich. Ein ehemals sakraler Raum wird wieder mit Sakralität angereichert. Es entsteht ein sakraler Raum in einem sakralen Raum. Ein sakraler Raum verliert wahrscheinlich nie ganz seine Sakralität, sie bleibt immer irgendwie präsent, aber durch diese und andere Veranstaltungen, die hier stattgefunden haben, wird sie intensiviert und deutlicher spürbar.

Alles ist aber Illusion, man sieht gar keine Streiflichter. Was man wirklich sieht ist ein Stück Wand, ein Stück Fußboden, ein Stück Fußleiste, ein Stück Fenstersprosse, ein Stück Stuhlbein, ein Stück Türrahmen, eben das, was gerade beleuchtet ist.

Dadurch, dass Nikola Dicke dem Zuschauer diese verschiedenen Wahrnehmungsebenen unterschiebt, die sich gegenseitig überlagern und durchdringen, treibt sie mit dessen Wahrnehmung ein rechtes Possenspiel. Sie spielt mit dem, was er sieht und nicht sieht, mit dem, was er sieht oder zu sehen glaubt. Die Wirklichkeit wird gebrochen durch das Projektionsbild und umgekehrt bricht sich das Projektionsbild an der Wirklichkeit. Eine Wechselwirkung, die durchaus Weltanschauung und Weltanschauen im Allgemeinen wiederspiegelt. Das Licht oder das Lichtspiel spielen in der sakralen Raumausstattung traditionell eine große Rolle. Was beeindruckt in einer Kathedrale mehr als die herrlichen farbigen Fenster, figurativ oder ornamental? Abhängig vom Einfall des Sonnenlichts füllen sie den Raum mit Farbe oder finden sich als Projektion im Kirchenraum wieder. Was sind die Kirchenfenster anderes als überdimensionale Diapositive? Oder man denke an den wabernden Schein hunderter Kerzen, der die Abendmesse mystisch auflädt. Von solcher Mystik wird natürlich auch in Nikola Dickes "Licht-Show" etwas spürbar.

Nikola Dicke konfrontiert uns in ihrer Installation mit verschiedenen Polaritäten.

Materialität Immaterialität
Wirklichkeit Unwirklichkeit
Gewissheit Ungewissheit
Bodenhaftung Schwerelosigkeit
hell dunkel
Licht Schatten
Sehen Nichtsehen
Schärfen Unschärfen
statisch dynamisch
irdisch himmlisch
Hardware Software

Eine lange Reihe konträrer Positionen, zwischen denen Nikola Dicke ihr Spannungsfeld aufbaut.

"endless story", so lautet der Titel der Ausstellung. Damit ist sicher der eigentliche Bildinhalt benannt. Der auffallendste Aspekt dieser Installation ist ganz augenscheinlich die Drehbewegung, die immer wieder in sich selbst mündende, Anfang und Ende aufhebende, kreisende Abfolge. Dieses endlose, langsam sich vollziehende, immer wiederkehrende Geschehen macht Zeit deutlich spürbar. Insbesondere Langsamkeit wird hier zu einer elementaren Empfindungsqualität. Endlos und zeitlos. Damit ist man nah am Ewigkeitsgedanken und somit tief in sakraler Gedanklichkeit. In jeder Drehbewegung steckt eine Zeitkomponente, wird sie doch rechnerisch definiert durch Umdrehungen pro Sekunde, pro Minute, pro Stunde, also pro Zeiteinheit, wie überhaupt der Begriff Zeit eine Schnittstelle zwischen religiösem und säkularem Denken zu sein scheint. Diese Schnittstelle hat Nikola Dicke in ihrer Installation genau getroffen.

Wolfram Heistermann


Ann-Katrin Günzel zur Ausstellung "Laterne, Laterne", 28. November bis 7. Dezember 2008, Kunstraum 28/30, Köln

Nikola Dicke macht zwar Diaprojektionen, versteht sich jedoch nicht als Fotografin, sondern als Zeichnerin, denn statt Fotografien projiziert sie Zeichnungen an die Wand. Dass heißt, sie geht handwerklich vor, nimmt selbst gezeichnete Miniaturen zum Ausgangspunkt [...] Wie ein flüchtiges, immaterielles Graffiti setzt das Licht seine Spur auf die Wände und verwandelt statische Flächen in dreidimensionale Gebilde voller Bewegung und Atmosphäre. Kreisende, schlingernde, leuchtende Linien sind das Resultat ihrer zeichnerischen Reduktion und damit einer materiellen Abwesenheit, die das Phänomen des Durchscheinens zum Gegenstand der Betrachtung macht. Es ist nicht Anliegen der Künstlerin, das Licht an sich körperlich oder dinglich wahrnehmbar zu machen (wie es häufig in der sog. "Lichtkunst" mit Lichträumen gemacht wird), sondern sich des Lichtes als einer Art Zeichenstift zu bedienen und damit zwar kleinformatig zu erschaffen, aber großformatig zu präsentieren. Nikola Dicke kreiert durch das Licht Räumlichkeit, die erfüllt ist mit einer ganz eigenen, manchmal auch eigenwilligen Zeichenstruktur. Sie formt das Licht durch diese Zeichen und gibt ihnen eine Substanz, die Licht - das ja als elektromagnetische Strahlung ein rein optisches Phänomen ist - eigentlich nicht hat. Das Licht hat aber eine enorme Kraft, indem es absolut notwendig ist, um überhaupt irgendetwas sichtbar zu machen. Das Erscheinen der Dinge ist an das Aufscheinen des Lichtes gebunden.

Licht ist immer da, sei es punktuell nachts als Sterne am Himmel, diffus durch Nebel gefiltert oder gleißend im hellen Sonnenschein. Licht kann gar als der Ursprung des Seins begriffen werden und wird dementsprechend in heidnischen wie christlichen Kulten und Traditionen als das Seiende, das Schaffende identifiziert. Platons Höhlengleichnis beweist, dass das Licht der Wahrheit entspricht, denn bei ihm ist das Wissen das Erkennen davon, wie in den Erscheinungen die hinter ihnen liegende Wahrheit repräsentiert wird. Die Begrifflichkeiten von Erscheinung, Erleuchtung, Aufscheinen oder Erstrahlen erklären den Stellenwert des Lichtes für die Wahrnehmung sowie für Schöpfung und Mythos. In der christlichen Lehre ist das Göttliche das Licht und die gotische Kathedrale ist das beste Beispiel für die metaphorische Bedeutung des Lichtes, denn hier, in diesem ersten Licht-Kunstwerk ist das Licht eine Abbildung Gottes und des Universums.

Nikola Dicke bedient sich dieses Mediums, um eigene Referenzen zum Licht zu skizzieren und gleichzeitig Raum zu lassen für Assoziationen. Für die Ausstellung des Kunstraums 28/30 hat sie an verschiedene Hauswände Zeichnungen projiziert, die das Licht auch inhaltlich thematisieren. Sie erleuchtet Wände und Mauern und lässt sie sprichwörtlich in einem anderen Licht erscheinen, sie geht aber über eine dekorative, ornamentale Ebene hinaus und beschäftigt sich mit existentiellen Lichtquellen, die aus der Gefahr leiten und mit dem romantischen Leuchten in der Nacht.

Der Titel der Ausstellung, "Laterne, Laterne", lässt unwillkürlich an das bekannte Kinderlied denken, welches nicht nur einen jahreszeitlichen Bezug erfährt, sondern auch eine Parallele in der Thematik der erleuchteten Bilder, die auf jeder Laterne, welche noch handgemacht ist, zu finden sind. Zusammen mit Sonne, Mond und Sternen leuchtet die Laterne den Weg im Dunkeln und erhellt gleichzeitig die auf ihr angebrachten Zeichnungen. Nikola Dicke hat einige Laternen extra für diese Ausstellung gestaltet, auf denen sie Motive angebracht hat, die auch in den Lichtinstallationen in Bayenthal wiederzufinden sind. So gibt es eine "Hafenlaterne", die als solche leuchtend durch die Strasse getragen werden kann, aber auch die Wandarbeiten beziehen sich zum Teil auf Hafenszenen. Im Hof der Goltsteinstraße 94, befindet sich die Wandarbeit "Sturm in den Wanten" - man mag an eisig pfeifende Winde, kalten, trommelnden Regen, scheppernde Schiffsmasten, tosende Wellen und dahinstürmende Wolken denken, und mittendrin klettert ein Seemann in den Drahtverspannungen zur Sicherung des Mastes, die Wanten heißen. In der Koblenzer Straße wird die Meeresthematik weitergeführt, hier ist auf der Wand eines Hauses der Leuchtturm von Genua zu sehen, ein weithin sichtbares Seezeichen also, das durch Lichtsignale den Schiffen den Weg durch Stürme, Gefahren und Untiefen weist, eine Navigation ermöglicht, sicher ans Ziel führt. Und so heißt die Arbeit auch "Im Hafen (von Genua)". Durch die hier angebrachte Lichtzeichnung entsteht eine Hafenmauer, eine sichere Anlegestelle, die vor Unwetter und Gefahr schützt. Mit dem Liedtext des sogenannten Paderborner Wallfahrtsliedes arbeitet die Künstlerin in der Wandarbeit "Hoch auf Deinem Throne" in der Goltsteinstraße 45. Der Titel des Liedes lautet " Meerstern, ich dich grüße", der Refrain "Maria, hilf uns allen aus dieser tiefen Not!" und das Licht, das hier angerufen wird, ist metaphorisch zu verstehen. Es ist die christliche Offenbarung im Lichte, die die Geister derer erleuchtet, welche sich zum Wahren erheben, und Maria ist die Mittlerin, die aus der Not bergen kann. Nikola Dicke hat an der engen, schluchtartig aufragenden Außenwand, an die sie projiziert, eine Mariengrotte gezeichnet. Die Muttergottes sitzt dort mit dem Kind, über ihr ist eine Art schützender Baldachin zu erkennen.

Etwas weiter die Goltsteinstraße entlang befinden sich auf der linken Straßenseite zwei hoch aufragende Ziegelwände, die im rechten Winkel zueinander stehen. An sie hat die Künstlerin wechselnde Lichtzeichnungen installiert, die sich mit einem - wenn nicht dem - romantischen Nachtmotiv verbinden: es handelt sich um die Abschiedsszene von Romeo und Julia, von der Künstlerin "Es war die Nachtigall" benannt. In Shakespear'scher Wirklichkeit war es natürlich nicht die Nachtigall, und die Dämmerung, die einsetzt, bedeutet schon das Anbrechen eines neuen Tages, auch wenn Julia das Gegenteil behauptet: der dunkle Schutz der Nacht ist aufgebraucht und das Versteck damit verloren. Das Aufscheinen des Lichtes bedeutet für die Liebenden den Aufbruch und gar eine Verbannung.

Nikola Dicke schafft es, mit einigen einfachen und gekonnten zeichnerischen Mitteln ausdrucksvolle Aussagen zu treffen und damit unsere Aufmerksamkeit trotz der Omnipräsenz flimmernder Bilder in den Medien und leuchtender Reklamelichter in den Städten zu erreichen und zu bündeln.

Ann-Katrin Günzel


Hans-Jürgen Schwalm, Kunsthalle Recklinghausen, im April 2005

Nikola Dicke studierte an der Kunstakademie Münster bei Ludmilla von Arseniew und wurde 2004 zur Meisterschülerin ernannt. Ich habe ihre künstlerische Arbeit auf mehreren Ausstellungen kennen und schätzen gelernt.

Nikola Dicke gehört zu einer Gruppe junger Künstlerinnen und Künstlern, die Malen und Zeichnen kühn ineinander verschränken. Ihre vornehmlich kleinformatigen Arbeiten auf Papier - seltener auf Leinwand - spielen mit der für sie fragwürdig gewordenen Grenzziehung zwischen Malerei und Zeichnung, zwischen linearem Selbstausdruck und den Möglichkeiten einer das farbige Sehen stimulierenden Flächenkomposition. In der Flüchtigkeit einer Linie, ihrer im malerischen Duktus der Pinselzüge vorangetriebene Auflösung, die bestenfalls ein "sowohl-als-auch" markiert, spiegelt sich gewissermaßen die Uneindeutigkeit der Bildzeichen wider, die sich stets einer konkreten Benennbarkeit entziehen. Auf den ersten Blick verwandeln sich Naturdinge, verwandelt sich eine Landschaft in farbige Zeichen. Die unbunte Palette der Bilder - ein nuancenreich gebrochenes Blau, erdige Brauntöne, Schwarz, Grau und immer wieder Weiß, das auch als Farbe des Papiers stehen gelassen wird - sowie ein biomorpher, weich verfließender Formenkanon wecken landschaftliche Assoziationen: Unser Blick entdeckt Gesteinsformationen oder folgt aus der Vogelperspektive einem vegetationslosen Küstenverlauf, macht einen kühl schimmernden See zwischen unwirtlichen Hügeln aus, klettert an einem Bergmassiv hoch oder übersieht eine schneebedeckte Landschaft unter grau verhangenem Himmel. Das irrisierende Licht, das unseren Blick immer wieder auf die Linie des Horizonts lenkt, lässt an Tagesanbruch oder Abenddämmerung denken, wenn sich Licht und Schatten unentschieden ineinander verweben. Doch die Arbeiten Nikola Dickes verweigern sich jeder "lesenden Instrumentalisierung". Sie zwingen zu einem nicht wiedererkennen wollenden, sondern zu einem tatsächlich sehenden Sehen, das die dialogische Offenheit der Bildstruktur und Bildzeichen, das bloße "Als-ob" jeder gegenständlichen Deutung anerkennt. So kristallisieren sie ein geradezu meditatives Fluidum aus, in dem das scheinbar Einfache und Vertraute ein neues Sehen und Verstehen provoziert.

Das kleine Format besitzt eine große innere Kraft, und die mit Pinsel und Stift scheinbar lapidar hingeworfenen Formen eine ebenso große assoziative Dichte. Sie lassen ein überzeugendes kompositorisches Kalkül erkennen. Nikola Dickes Zeichnungen und Malereien sind seltsam unspektakulär und besitzen doch eine einnehmende, stille Poesie, etwa im geheimnisvollen Spiel des Lichts, das die Dinge weniger beleuchtet als sie leuchten lässt. Ihre einfache und dabei so großzügige Formgebung besticht: Sie lebt aus der Gegenspannung von Direktheit und Reflexion, Prozess und Erinnerung, spontanem Notat und sehr bewusster Untersuchungsmethode; sie verliert sich nicht im Detail, sondern abstrahiert zu Gunsten der "großen" Form - um die Weite eines landschaftlichen Prospekts auch im kleinen Bildformat erfahrbar zu machen und ihr durch die Wahl des Ausschnitts gleichzeitig Nähe und Intimität zu geben.

Hans-Jürgen Schwalm